Schon in der Antike trug es sich zu, dass die Phantasien der Herrscher als eingetroffen zu gelten hatten, wenn diese sich durch eine strukturelle Vorbereitung darauf einstellten. Das Personal war dafür bestes Indiz. Man galt schon als Vertreter des göttlichen Willens, wenn man Diener Gottes in seinem Gefolge ansiedelte, deren Aufgabe es war, die Göttlichkeit des weltlichen Handelns zu deuten und dem Herrscher dadurch vor dem Volke zu attestieren, wenn nicht Gott selbst, so doch Liebling der Götter zu sein.
Die Aufklärung, jener grausame Prozess der Entzauberung der Welt, machte mit dieser Verfahrensweise zumindest für einige Jahrhunderte Schluss. Die cartesianische Logik, deren Wesen es war und ist, eine Kausalität zwischen verschiedenen qualitativen Zuständen herzustellen, hat dem Wunschdenken, welches eben so sehr die Realität in der Niederkunft des Scheines sieht, mit der Guillotine des scharfen Verstandes ein jähes Ende gesetzt.
Dass wir uns heute, am Fuße des so verhängnisvollen 21. Jahrhunderts, nicht in einer Blütezeit der Aufklärung befinden, wird uns täglich zur trauervollen Gewissheit. Der Schein hat die Herrschaft übernommen und das tatsächliche Sein unterliegt dem Verdacht, nichts anderes im Sinn zu haben als den flüchtigen Gemütern die gute Laune zu verderben. Qualitative Aussagen machen die meisten Zeitgenossen schon nahezu hilflos und numerische Größen verstrahlen einen Glanz, in dessen Vergleich sich sogar die Sonne schämt.
Betrachten wir das Handeln in der Öffentlichkeit, welche durch das Informations- und Kommunikationszeitalter immens gewachsen ist, so stellen wir zunehmend fest, dass die epistemologische Anlage antiker Herrscher längst in den grauen Alltag der Postmoderne wieder Einzug gefunden hat. Immer wieder hören, sehen und lesen wir, wie die Ankündigung einer Maßnahme gleichgesetzt wird mit der Erreichung des erstrebten Zustandes, den die Maßnahme bewirken soll. Ob es sich dabei um die Unterbindung von Finanzspekulationen durch gewisse Regulierungsverfahren, die Verbesserung der schulischen Bildung durch kleinere Klassenteiler oder die gesündere Volksernährung durch Informationen auf der Verpackung handelt – der antike, vor-aufklärerische Glaube dominiert, durch die regulierende Maßnahme das Ziel erreichen zu können oder bereits erreicht zu haben.
Man könnte sagen, so hat jedes Zeitalter seine eigenen, Mythen stiftenden Paradigmen, was übrigens wohl so ist, man muss allerdings auch sagen, dass die Mythen sich irgendwann auf die Psyche auswirken, wenn sie nämlich die Trennung von Schein und Sein zu einer sich ständig wiederholenden, existenziellen Erfahrung machen. Dann fängt es an zu spuken in Kopf und Seele, und diejenigen, die das dann gar nicht mehr aushalten, werden gar gewalttätig und dann wird es richtig ungemütlich. Wir sollten also ständig daran denken, wenn die Gurus des Scheins über unsere Displays schimmern, dass sie auch als Vorboten böser Auseinandersetzungen mit Fug und Recht zu interpretieren sind.
