Tolstois Zivilisationskritik steht noch im Raum

Geburts- und Todestage von Schriftstellern eigenen sich hervorragend, um zu resümieren, zu kritisieren, zu deuten und umzudeuten. Zumeist nimmt sich der Zeitgeist die Freiheit, die Rezeption noch einmal zu überdenken. Und es ist gut, dass es diese Freiheit gibt, denn nichts wäre fataler, als ein Deutungsmuster für alle Zeiten festzuschreiben. Die Art und Weise, wie sich die Literaturkritik längst in einem anderen Zeitalter mit den Titanen des Genres auseinandersetzt gibt zumeist auch Aufschluss über den epistemologischen Status Quo, aus dem heraus das Werk gedeutet wird.

Dass Leo Tolstoi zu den literarischen Giganten des 19. Jahrhunderts gehört, wird auch in den Rezensionen zu seinem 100. Todestag nicht angezweifelt. Aus den Erklärungen, die zumeist angefügt werden, kann man letztendlich dann aber doch nicht erklären, warum dieses so ist. Die Wirkung Tolstois auf seine Zeit und die, die folgte, lässt sich nicht erklären aus einer Chronologie seiner Werke oder der isolierten Aufzählung der Sujets, die er in seinem monumentalen epischen Werk gestaltet hat. Reduktionistisch hingegen wird in der Regel vorgegangen: Mit Krieg und Frieden wird der Pazifismus thematisiert, mit Anna Karenina die Frau in ihrer feudalistisch-bürgerlichen Zwangsrolle zum literarischen Paradigma, in den Volksmärchen der Pädagoge und insgesamt die Epik als Form der mündlichen Erzähltradition abgehandelt. Obwohl keiner dieser Verweise aus heutiger Sicht als falsch zu bezeichnen ist, wird die Dimension Tolstois aus dieser separierten Betrachtung nicht ergründet.

Die Biographie des als in die Annalen eingegangenen Eremiten und Eigenbrötlers durchschritt die normale Sozialisation seiner Zeitgenossen, und von der fleischlich-chevaleresken Erfahrung des russischen Offiziers bis hin zu einer sehr weltoffenen Reisetätigkeit des Wohlhabenden und Gebildeten sind unmittelbare Erfahrungen in das Werk Tolstois eingeflossen, die ihn zu einem Zivilisationskritiker machten, der die Fähigkeit besaß, weit über die Ära des Feudalismus bis tief in die Moderne zu blicken.

Im Gegensatz zu den Modernisten aus Zentral- und Westeuropa, die die Hauptleistung der Zivilisation in der Individualisierung sahen, hatte Tolstoi den Blick auf die Natur, die in ihrer genuinen Organisation deutliche Hinweise auf eine Weiterentwicklung der Zivilisation hätte geben können. Die Individualisierung in ihrer Exklusivität hingegen bereitete den Weg zu einer wachsenden Entwurzelung und Entfremdung, die letztendlich zu einer Sinnentleerung führte.

Der Einklang mit der Natur wurde hingegen erst ein Thema, als die Moderne mit ihrem humanen Egozentrismus vieles zerstört hatte, die Selbstaushöhlung des Individuums war längst vollbracht, als die Kritik an der instrumentellen Vernunft einsetzte und das Leben vor dem Tod erst von vielen entdeckt, als es ebenfalls längst zu spät war. Tolstois Zivilisationskritik findet sich in allen seinen Werken, den pazifistischen, den pädagogischen und den emanzipatorischen. Und in allem erkennt man die tief humane Handschrift eines großen Philanthropen.