Warum es so ist, darüber streiten sich die verschiedenen Schulen vor allem in der Sozialpsychologie. Da spielen bewusste Ablenkungsmanöver genauso eine große Rolle wie unbewusste Vermeidungsstrategien und kollektiv eingeübte Rituale, die zumindest dort noch die Stiftung eines Sinnes suggerieren sollen, wo schon lange keiner mehr gesichtet wurde. Gemeint ist die Tendenz von sich in heftigen Krisen befindenden Gesellschaften oder Organisationen, die ungeheure Ressourcen darauf verwenden, um bestimmte Debatten zu führen, die existenziell eigentlich einen marginalen Stellenwert besitzen, um sich gleichzeitig von den wichtigen Themen abzuwenden.
Betrachtet man unter diesem Aspekt das politische Gewese besonders der letzten Wochen, so käme man schnell in die Versuchung, der Bundesrepublik eine Nähe zum krisenhaften Untergang zu attestieren. Die seit dem Buch Sarazins geführte Diskussion um Integration in Deutschland hat zum Beispiel gespensterhafte Züge. Nicht, dass die Fragestellungen, ob Einwanderer die Sprache des Gastlandes lernen sollten, oder ob es wichtig sei, sie in das Bildungssystem aufzunehmen, oder ob geklärt werden müsse, ob wir uns als Einwanderungsland definieren, oder wie wir umzugehen hätten mit integrationsresistenten Populationen, oder wie eine Diskriminierung verhindert werden könne, nein die Fragestellungen sind angesichts der Notwendigkeit einer aufgeklärten und vernünftige Einwanderungspolitik durchweg wichtig. Die Absurdität der Diskussion leitet sich lediglich dadurch ab, dass dieser Zug seit zwei Jahrzehnten abgefahren ist und die Attraktivität, von außen aus betrachtet, in dieses Land einzuwandern, keinen Charme mehr besitzt.
Ein anderes Beispiel für die Hitzigkeit um eine Marginalie lässt sich finden in der Diskussion um eine pränatale Implementationsdiagnose. An und für sich ließe sich diese Frage zugunsten derer, die in der Situation sind und die Mittel aufwenden können, schnell klären, wäre da nicht ein unaufgeklärter Katholizismus, der sich die Unterstützung in der Argumentation aus den bösen Erlebnissen mit den Faschisten holte. Aber entscheidend wird die pragmatische Lösung sein. Die ca. 200 Fälle, die ein Verbot im Jahr träfe, werden sich die Hilfe im Ausland suchen können. Diskutiert wird die Frage jedoch medial, als hinge die Existenz des Landes von ihr ab.
Das tut sie jedoch in Bezug auf die Bündnispartner in einer Welt, die mehr und mehr ihr neues Machtzentrum im Pazifik definiert. Insofern ist es mehr als irritierend, dass die Verdrängung Deutschlands vom ersten Platz der exportierenden Länder durch China keinerlei Aufmerksamkeit erlangt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich die Bundesregierung mit China gegen die USA verbündet hat, um das hohe Lied vom freien Markt zu singen. Das wiederum klingt angesichts der Interessen Chinas als neuem Exportgiganten Nummer Eins und der politischen Schwäche der Bundesrepublik als Arroganz, die das Attribut der Dummheit wohl verdient hat. Aber, wenn die gesicherte Selbsteinschätzung schwindet, bleibt nur noch die Vermählung mit dem Schein.
