Komplexe Gesellschaften unterliegen dem Gesetz der Stratifikation, d.h. es existieren Schichten und Subsysteme, die sich aus einzelnen soziologischen Faktoren ableiten lassen und einer eigenen, engeren Sinnstiftung unterliegen. Wer sich mit Politik beschäftigt, dem ist das alles längst vertraut. Verschiedene Gesellschaftsklassen definieren sich über ihre ökonomische Zugehörigkeit und daraus entstandene soziale Kulturen. Die Zugehörigkeit zu einer ökonomischen Gruppe bringt es zumeist mit sich, wie gebildet und qualifiziert die einzelnen Glieder sind, wie sie sich definieren und welche Weltdeutung ihnen plausibel erscheint.
In früheren Zeiten, als die Aufteilung des Gemeinwesens in Herrschende und Beherrschte noch recht einfach auszumachen war, sei es durch Land- oder Fabrikbesitz, da gab es jeweils die beiden sehr deutlich konturierten Gruppen, die der Besitzenden und die der Besitzlosen. Aus ersterem leitete sich die politische Macht ab, aus letzterem zumeist das Beherrschtsein. Der Kapitalismus mit seinem in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts erreichten Reifegrad hat es zumindest in unseren Breitengraden temporär ermöglicht, dass Karrieren aufgrund von Qualifikation und Leistungsfähigkeit möglich wurden. Sie waren nicht die Regel, aber immerhin, es gab sie und gibt sie noch.
Die Ermöglichung zum Durchbrechen der sozialen Schranke wurde unter anderem durch einen politischen Emanzipationsprozess hervorgebracht, der auf bestimmte Werte setzte. Diese bestanden in Bildung und Zivilisation, d.h. sie gingen von dem politischen Ideal aus, das Können und Sittenverfeinerung so etwas schaffen könne wie eine Meritokratie, d.h. eine Herrschaft durch Leistung und Verdienst. Das war natürlich sehr idealistisch, aber es hat zumindest für einige Generationen einen Charme ausgestrahlt, der vieles bewirkt hat.
Dem gegenüber stand immer eine Interessenkomponente, die insofern als barbarisch bezeichnet werden muss, weil sie sich stets nur auf den Besitz und die materielle Herrschaft richtete. Vertreter gab und gibt es auf beiden Seiten, denen der Besitzenden wie denen der Besitzlosen. Mit der Erosion allgemein zugänglicher Bildung hat sich die Kontur der unzivilisierten Interessenwahrnehmung leider wieder verstärkt und ist auf dem besten Weg, zu einem Massenphänomen zu avancieren.
So ist in verstärktem Maße zu beobachten, dass Bildung und gelebte Zivilisation für viele Akteure im Kampf um die Wahrnehmung von Interessen zu einer unausgesprochenen Provokation geworden ist. Bildung erweckt Misstrauen und Neid, Zivilisation gar Hass und der hyänenhafte Pauperismus wird als erstrebenswertes Ziel gepriesen. Die Gesellschaft sieht diesem Prozess gegenwärtig schweigend, vielleicht auch irritiert zu, denn vieles kommt in einer derartig geballten Impertinenz daher, dass kaum einer der Beobachtenden noch seinen Augen und Ohren traut. Barbarei und Demokratie jedoch, die schließen sich auf lange Sicht aus.
