Häme ist eine schlechte Referenz

Die Reaktionen auf die Wahlen zum amerikanischen Kongress eignen sich zu einer eingehenden Diagnose. Es ist kaum zu glauben, wie sehr in Deutschland mit der Zunge geschnalzt wird angesichts eines negativen Wahlausgangs für die Demokraten. Man wird den Eindruck nicht los, dass eine emotionale Entladung hier, jenseits des Atlantiks stattfindet, angesichts einer vermeintlichen verheerenden Niederlage bei dem Versuch, eine durch George W. Bush desavouierte Weltmacht zu reformieren und wieder auf Kurs zu bringen.

Passiert ist eigentlich nichts Außergewöhnliches: Nach zweijähriger Mehrheit im Repräsentantenhaus wie im Senat haben die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren, die im Senat jedoch behalten. Damit hat sich etwas vollzogen, das zur Normalität in fast allen Demokratien gehört. Die Regierungspartei verliert in der Regel bei den Wahlen zu untergeordneten Instanzen nach Übernahme der Macht. Insofern ist es absurd, von der großen Schlappe für den Change-Prozess zu sprechen.

Neben der aus einem eigenen, aus der Unfähigkeit zur Erneuerung entsprungenen Defätismus geborenen Häme wird dann aufgelistet, inwieweit Präsident Obama nicht nur zahnlos in der Durchsetzung, sondern auch schlecht beraten in der taktischen Reihenfolge seiner Aktivitäten gewesen sei. Auch hierin liegt eine fatale Fehlrezeption. Denn die Fokussierung auf ein innenpolitisches Thema, nämlich die Reform des Gesundheitswesens, die einem Paradigmenwechsels im amerikanischen Politikverständnis entspricht, musste der erste Akt in der Innenpolitik vollzogen werden, bevor die Neupositionierung der USA als Supermacht im internationalen Maßstab nach dem zu erwartenden Verlust beider parlamentarischer Mehrheiten in Angriff genommen werden kann. Das ist keine höhere Kunst der Politik, sondern eine Milchmädchenrechnung, die zu begreifen schon schwer fällt, wenn der eigene Blick durch das Ressentiment verklebt ist.

Die Diagnose für die journalistische Aufbereitung der Wahlen in den USA hingegen ist die interessantere Aufgabe bei der Übung. Häme und Ressentiment sind typische Symptome für eine Reaktion, die aus einer Neidbetrachtung entspringt, die ihrerseits mit starken Angstfragmenten meliert ist. Im Klartext wäre es all jenen eine Horrorvision, wenn es in den USA einem Einwanderer aus Kenia gelänge, die notwendige Reform der Weltmacht des XX. Jahrhunderts zu Beginn des XXI. zu gestalten.

Hinzu kommt die eigene Furcht vor grundlegenden Veränderungen, die hierzulande in einem seit Jahrzehnten durch Wahlen bestätigten Patt manifestiert wird. Allein der Versuch, aus der Lebendfalle herauszukommen, wird derart als undenkbar erachtet, dass das vermeintliche Scheitern eines noch größer angelegten Veränderungsvorhabens eine orgiastische Entladung hervorruft, wie sie armseliger nicht sein könnte.

Ein Gedanke zu „Häme ist eine schlechte Referenz

  1. Avatar von Gerd MersmannGerd Mersmann

    Nicht nur das. Ohne in eine große Obama-Euphorie verfallen gewesen zu sein: Aber was passiert, wenn sich diese Supermacht nicht schleunigst findet, wer bitte schön, eskortiert dann die introvertierten Deutschen durch die Weltgeschichte?

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