Im Westen wie im fernen Osten, im hohen Norden wie im tiefen Süden existiert eine Analogie, die keines interkulturellen Dialogs bedarf. Unabhängig von Geographie wie Kulturkreis herrscht die Überzeugung, dass die Erekenntnis das Licht benötigt und die Unwissenheit in der Dunkelheit zuhause ist. Das Licht lieferte in Form des Terminus Enlightment der wohl revolutionärsten Epoche des menschlichen Denkens seinen Namen, die Aufklärung, in der das wissenschaftliche wie das emanzipatorischen Denken sich ein fruchtbares Stelldichein gaben, erfasst alle Kreaturen, denen die Erkenntnis etwas bedeutet, mit großer Wehmut angesichts der langen Schatten, die sich vermehrt über unsere Häupter legen.
Bestimmte Regionen im Norden, die bis zu einem halben Jahr von der Nacht umhüllt sind, treiben die Menschen in tiefe Depressionen, Exzesse der Betäubung und Feitstänze des Wahns. Nur bestimmte Tondokumente aus diesen Ländern, die besagte Stimmungen vermitteln, bedrohen selbst in anderen Zonen dieser Welt das Wohlbefinden derer, die den Fehler begehen, sich derartiges Untergrundrauschen anzuhören.
Nun, da auch in unseren gemäßigten Lichtzonen die Dunkelheit die Oberhand gewinnen wird, werden wir uns wieder, nach dem einleitenden, verräterischen Schrei „Hallo Wien, Hallo Wien!“ darauf gefasst machen müssen, dass alles nur noch schlimmer wird, als es ist. Der November wurde quasi eingeläutet durch eine medial aufbereitete Woche über die Ernährung, in der keine Gelegenheit ausgelassen wurde, das schlechte Gewissen zu mobilisieren bis hin zu Quizsendungen, in denen die wabernde Gallionsfigur des desavouierten Feminismus darüber dozierte, dass in Ketchup mehr Zucker sei als in der Cola. Gleichzeitig sinnierten so genannte investigative Journalisten über die Frage, ob wir uns nicht lieber wieder royalistisch orientieren sollten, weil Vertreter dieser Kaste einfach unabhängiger Politik machen könnten als die Parvenüs aus dem Mob, die uns alle so schrecklich enttäuschten. Und wiederum zur gleichen Zeit stiegen die Sympathiewerte eines anderen Politikers wegen einer innerfamiliären Organspende während andere Parteigenossen des Besagten einen anderen aus den eigenen Reihen aus dem Golfclub werfen wollen, weil er ein Buch geschrieben hat, das sie nicht mögen.
Bei alledem wird deutlich, was uns bei fortschreitender Nacht noch alles ereilen wird. Nichts Gutes wird uns widerfahren, denn selbst bei Licht betrachtet befindet sich unser Geistesleben in keinem erstrebenswerten Zustand. Wenn das alles noch schlimmer wird, so könnte man fragen, wie sollte man die Ära dann wohl nennen, die uns bevorsteht. Und auch in dieser Frage sind diejenigen gut beraten, die sich gegen die unerträglichen, aber stetigen Versuche wehren, unsere menschliche Existenz enthistorisieren zu wollen. Denn in den Chroniken steht geschrieben, dass demnächst die Narrenzeit beginnt, und zumindest bis der Morgen wieder etwas früher graut, könnte man Trost finden in dem Wissen, dass das früher alles auch nicht besser war.
