Archiv für den Monat Oktober 2010

Die Unerträglichkeit des Dogmas

Jörg Schönbohm. Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter

Es muss sehr weit gekommen sein, wenn ein ehemaliger General und Innenminister, vom Freiheitsdrang geplagt, sich auseinandersetzt mit einer Variante unseres Zeitgeistes, die – wie sollte es anders sein – zeitversetzt aus den USA zu uns herüber geschwappt ist und ebenso selbstverständlich hierzulande mit einem Extremismus betrieben wird, der für unser Land so typisch ist. Jörg Schönbohm setzt sich in einer kleinen Schrift aus dem Jahr 2009 mit der Political Correctness, ihren Stilblüten und ihren diktatorischen Genen auseinander. Mit der bereits dritten Auflage nach knapp einem Jahr und den überschwänglichen Rezensionen kann man getrost zu der Auffassung kommen, dass der Unmut über die neueste Version der Inquisition beträchtlich wächst.

Mit dem Terminus der lingua franca beschreibt Schönbohm die tatsächliche Durchdringung unserer Alltagssprache mit den Absonderlichkeiten der Politischen Korrektheit und er merkt sogleich an, dass die Beugung des Sprachgefühls durch die Gralshüter der neuen Geistesordnung unweigerlich dazu führen wird, einen ehrbaren Begriff nach dem anderen zu verbrennen, weil der absolutistische Impuls immer einen sehr negativen Nachgeschmack hinterlässt.

Anhand zahlreicher Beispiele führt der Autor ohne großartig notwendige Analyse den Lesern die Absurdität der inneren Logik der politischen Korrektheit vor Augen. Allein die Kette von Negroes- Colored People – Black People – Afro-Americans – African Americans bis zu den heutigen Persons of African Race führt jedoch auch das Dilemma dieser ideologiegetränkten Sprachfindung vor Augen. Das emanzipatorische Postulat wird umso eindringlicher und befremdender, je weniger sich der praktische Erfolg der politischen Bemühung einstellt.

Schönbohm gelingt es anhand der Auswahl seiner Beispiele (bis hin zu einer gender gestreamten Bibel-Version!) den Zinnober der Tugendwächter zu enthüllen und die Tendenz der Umwertung freizulegen. Denn Begriffe wie Folterknechtin, Faulpelzin oder Dickschädelin habe er noch nicht gefunden, die Feminisierung finde sich nur in positiv besetzten Begriffen, eine Erkenntnis, die die ganze Perfidie des Unternehmens noch einmal illustriert.

Der Autor selbst beendet seine Betrachtungen mit Überlegungen zum Wesen von Aufklärung und Demokratie und zitiert dabei Voltaire: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht. Ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug dafür kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Der kleine Band passt sehr gut zu Oskar Maria Grafs Essay „Der Moralist als Wurzel der Diktatur“, in dem die innere Wirkungsweise des linguistischen Moralins beschrieben wird. Je weniger die Politik, um die es geht, gelebt wird, desto absolutistischer und dogmatischer wird der Anspruch. Politische Korrektheit ist eine neue Form des Obskuratismus.

Zukunftsvision: 60, Perlenkette

Es mutet alles an wie die Folge einer schwäbischen Familienserie aus den sechziger Jahren. Da kommt die große Politik daher und will die Welt verändern und keiner weiß so richtig, was das alles soll. Die verschlafene, etwas zurück gebliebene schwäbische Familie wird aus ihrem bornierten Idyll gerissen und zetert in kaum verständlicher Weise gegen das Neue, das keiner brauche. Während derartige Fernsehserien vor einem halben Jahrhundert Produkt eines Aufklärungsprozesses der Gesellschaft waren, die begriffen hatte, wie sich industrieller Fortschritt auf den Lebensstandard auswirkt und wo die Horte der Engstirnigkeit auszumachen waren, sind wir im Kontext von Stuttgart 21 in einem anderen Stück. Obwohl hier auch jetzt so manch zur Schau gestellte schwäbische konservative Lady mit Porsche, stahlgrauem Haar und Perlenkette gegen ein neues Projekt der Politik zetert, bekommt man den Eindruck, als reibe sich nun eine aufgeklärte Minderheit die Augen über einen Prozess, der absurder nicht sein könnte.

Bereits in einem industriell führenden, exportabhängigen Land lebend, das Planungsprozesse von 15 Jahren hinnehmen muss und so ständig und beschleunigt Terrain verliert, wachen nun, da die praktische Konsequenz vor der Tür steht, Kohorten auf, deren Lebenserwartung nicht mehr weit hinter der Realisierungsphase des Projektes liegen. Wenn dann keine intrinsische Reflexion darüber vorhanden ist, ob man mit seinem Votum einen Zeitraum beeinflussen wird, der nicht mehr der eigene ist, wird es heikel.

Zum Thema der demographischen Entwicklung ist bereits vieles ausgeführt worden, dass jedoch noch vor der ersten großen Welle der Geriatrisierung der Gesellschaft sich Senior Pressure Groups bilden, die zukünftige Entwicklungen blockieren, war so nicht erwartet worden. Auch bei dem Volksentscheid in Hamburg hinsichtlich der sechsjährigen Grundschule hatten sich, wie erst jetzt entschlüsselt wird, neben den auf soziale Separation setzenden neuen Eliten mehrheitlich Menschen an dem Votum beteiligt, die bereits jenseits des 60. Lebensjahres sind. Auch dort stellt sich die Frage, was diese Kohorten mit einer zukunftsorientierten Schulreform noch zu tun haben.

Ob Infrastrukturprojekt oder Schulreform, die gegenwärtige bundesrepublikanische Gesellschaft versprüht nicht den Charme der Jugendlichkeit. Die Ausdifferenzierung der Bürokratie nach den Prinzipien der Politischen Korrektheit ist das beste Indiz für den Eintritt in eine wohl länger anhaltende Dekadenzphase, da spielt die Dominanz älterer Mitbürger bei den Zeugnissen gegenüber der Unmenschlichkeit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die Erosion demokratisch legitimierter Verfahren korrespondiert mit einer gleichzeitigen Deklination nach den Prinzipien des PC-Brainwashs. Die Durchdringung der politischen Entscheidungsprozesse mit einer totalitären Terminologie suchte nur noch nach einem Maskottchen: 60, Perlenkette, Porsche, PC = 60 PP!

Leichengift für politisches Temperament

Herfried Münkler. Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung

Herfried Münkler ist nicht nur einer der führenden Köpfe der zeitgenössischen Politologie in Deutschland, sondern auch ein Querdenker und, einmal aus der ihm zugewandten Werbung zu zitieren, ein Ein-Mann-Think-Tank. Ihm verdanken wir intelligente und gut geschriebene Bücher wie das über die Neuen Kriege, in denen die Asymmetrie als Prinzip freigelegt wurde, er brachte uns Gedanken zu den Lebenszyklen und systemischen Verhaltensmustern von Imperien nahe und er räsonierte geistreich über die Mythen der Deutschen. Immer versprühten diese Bücher Esprit und sie waren neuen, exploratorischen Gedanken auf der Spur. Mit seinem neuesten Werk, Maß und Mitte, greift Münkler ein Thema auf, das in Deutschland immer Konjunktur hat und der Autor zeigt uns auch, warum.

Ausgehend von der Frage, warum die Mitte in Deutschland über verschiedene historische Perioden eine Faszination wie keine andere politische Positionsbestimmung ausübt, begibt sich Münkler auf einen vom Leseempfinden her sehr langwierigen Weg, um an das Ziel zu kommen, das die meisten Käufer des Buches im Titel vermuten: Eine Analyse der gegenwärtigen Zentrierung der Politik in Deutschland und eine Prognose über Impulsgeber für eine politische Innovation.

Münkler beginnt seine Abhandlung mit Betrachtungen zur semantischen Besetzung des Begriffs der Mitte. Er dokumentiert das Ringen um die Mitte anhand bestimmter Formulierungen aus der Geschichte. Im nächsten Schritt widmet er sich den philosophischen Betrachtungen über den Konnex von Mitte und Macht. Dabei beginnt er bei Aristoteles und Cicero und landet bei Hegel, bevor er zu den großen Zerstörern des Mittegedankens Nietzsche und Marx anlangt.

Von der Philosophie dringt der Autor zur Geometrie vor und er verweist in verschiedenen Kontexten auf das räumliche Verhältnis von Mitte, Macht und den wirkenden zentripetalen wie zentrifugalen Kräften. Diesen Punkt erreicht, schlägt Münkler den Bogen zurück zu der in der Einleitung gestellten Frage, inwieweit die gegenwärtige Diskussion um die Mitte eine Momentaufnahme politischer Statik oder das Ergebnis einer historisch einstudierten Tarierungsübung ist.

Leider sind an dieser Stelle bereits 200 der insgesamt 240 Seiten beschrieben. Das zugegebenermaßen in einem ansprechenden Stil und wissenschaftlich solide, aber bereits angesäuselt von in der Anzahl mehr als verträglichen Mitte-Formulierungen vermag der Leser die Konzentration nicht mehr sonderlich gut aufrecht erhalten. Irgendwie wird man den Verdacht nicht mehr los, dass die Mitte ein urdeutsches Phänomen ist und das auch immer so bleiben wird. Nietzsche, wer sonst, erklärte daraus das den Deutschen fast genetisch innewohnende Mittelmaß und der Autor wird auch auf den letzten Seiten nicht müde, heutige Zeitgenossen wie Hans Magnus Enzensberger zu zitieren, der in der Mitte auch was Gutes sieht. Die Idee ist wiederum nicht so luzide, als dass man dafür die ganze Abhandlung lesen müsste.