Es ist eine große Ehre, als Repräsentant eines fremden Landes im Parlament eines anderen sprechen zu dürfen. Es ist zudem so selten, dass man kaum von einer Tradition sprechen kann. In der jüngeren Geschichte durfte das Johannes Rau in Israel und Angela Merkel in den USA. Nun durfte es auch der neue Bundespräsident im türkischen Ankara. Was er dort ablieferte, hat weder dem gastgebenden Land eine Referenz erwiesen noch dem eigenen Land genutzt. Stattdessen ergoss sich der Präsident eines souveränen Staates in Spiegelfechtereien über die Zugehörigkeit von Religionen zu verschiedenen Kulturkreisen.
So wie der Bundespräsident jüngst am Nationalfeiertag davon sprach, dass die deutsche Kultur auf der jüdisch-christlichen Tradition fuße und nun noch durch den Islam angereichert worden sei, so fabulierte er mit tragender Stimme in Ankara vom Christentum als einem festen Bestandteil der türkischen Kultur. Die mehrheitlich muslimischen Gastgeber kannten ihre Rolle, hörten höflich zu und applaudierten artig. Wer jedoch glaubt, sowohl in den zwischenstaatlichen Beziehungen als auch im Bereich der Integration türkischer Migranten sei ein wichtiger Schritt nach vorne gemacht worden, der hat so wenig von internationaler Politik verstanden wie das neue Staatsoberhaupt.
Ob man es glaubt oder nicht, die türkische Staatsführung ist trotz ihrer eindeutigen Bekenntnisse zum zeitgenössischen Islam weitaus säkularer als viele Kollegen hierzulande. Selbst Ministerpräsident Erdogan geht bei der Entwicklung seiner aktiven Politik davon aus, inwieweit eine von handfesten Interessen geleitete Vorstellung mit unterschiedlichen Partnern durchgesetzt werden kann. Das macht die Türkei seit einigen Jahren sehr erfolgreich und sie braucht keine Lehrstunden von Novizen, die zudem reale Staatspolitik mit Hobbyphilosophiererei verwechseln.
Wie fern erscheinen einem bei derartigen intellektuellen Eskapaden noch die Zeiten zu sein, in denen von Ideologie oder Religion massiv unterschiedene politische Bündnisse gegenseitig versuchten, durch das Austarieren gemeinsamer Interessen und punktueller Kooperationen das gegenseitige Verständnis zu erhöhen, nicht ohne den legitimen Hintergedanken ad acta gelegt zu haben, das Gegenüber ideologisch aufzuweichen. Dennoch klingen diese Reminiszenzen wie Exkurse in die Hohe Schule aufgeklärter Politik im Vergleich zu den häufiger werdenden Elogen hiesiger Politiker zu Ethik und Religion fremder Kulturkreise.
In Bezug auf den Auftrag, ein politisches Mandat auf die Gestaltung von Beziehungen wahrzunehmen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mangels einer existierenden Vorstellung von tatsächlichen Gestaltungsräumen die Flucht in kulturphilosophische Diskurse so etwas ist wie das Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit. Eine Gesellschaft, die das goutiert, ist kaum noch zu retten.

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