Archiv für den Monat Oktober 2010

Vulgärphilosophie aus präsidialem Munde

Es ist eine große Ehre, als Repräsentant eines fremden Landes im Parlament eines anderen sprechen zu dürfen. Es ist zudem so selten, dass man kaum von einer Tradition sprechen kann. In der jüngeren Geschichte durfte das Johannes Rau in Israel und Angela Merkel in den USA. Nun durfte es auch der neue Bundespräsident im türkischen Ankara. Was er dort ablieferte, hat weder dem gastgebenden Land eine Referenz erwiesen noch dem eigenen Land genutzt. Stattdessen ergoss sich der Präsident eines souveränen Staates in Spiegelfechtereien über die Zugehörigkeit von Religionen zu verschiedenen Kulturkreisen.

So wie der Bundespräsident jüngst am Nationalfeiertag davon sprach, dass die deutsche Kultur auf der jüdisch-christlichen Tradition fuße und nun noch durch den Islam angereichert worden sei, so fabulierte er mit tragender Stimme in Ankara vom Christentum als einem festen Bestandteil der türkischen Kultur. Die mehrheitlich muslimischen Gastgeber kannten ihre Rolle, hörten höflich zu und applaudierten artig. Wer jedoch glaubt, sowohl in den zwischenstaatlichen Beziehungen als auch im Bereich der Integration türkischer Migranten sei ein wichtiger Schritt nach vorne gemacht worden, der hat so wenig von internationaler Politik verstanden wie das neue Staatsoberhaupt.

Ob man es glaubt oder nicht, die türkische Staatsführung ist trotz ihrer eindeutigen Bekenntnisse zum zeitgenössischen Islam weitaus säkularer als viele Kollegen hierzulande. Selbst Ministerpräsident Erdogan geht bei der Entwicklung seiner aktiven Politik davon aus, inwieweit eine von handfesten Interessen geleitete Vorstellung mit unterschiedlichen Partnern durchgesetzt werden kann. Das macht die Türkei seit einigen Jahren sehr erfolgreich und sie braucht keine Lehrstunden von Novizen, die zudem reale Staatspolitik mit Hobbyphilosophiererei verwechseln.

Wie fern erscheinen einem bei derartigen intellektuellen Eskapaden noch die Zeiten zu sein, in denen von Ideologie oder Religion massiv unterschiedene politische Bündnisse gegenseitig versuchten, durch das Austarieren gemeinsamer Interessen und punktueller Kooperationen das gegenseitige Verständnis zu erhöhen, nicht ohne den legitimen Hintergedanken ad acta gelegt zu haben, das Gegenüber ideologisch aufzuweichen. Dennoch klingen diese Reminiszenzen wie Exkurse in die Hohe Schule aufgeklärter Politik im Vergleich zu den häufiger werdenden Elogen hiesiger Politiker zu Ethik und Religion fremder Kulturkreise.

In Bezug auf den Auftrag, ein politisches Mandat auf die Gestaltung von Beziehungen wahrzunehmen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mangels einer existierenden Vorstellung von tatsächlichen Gestaltungsräumen die Flucht in kulturphilosophische Diskurse so etwas ist wie das Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit. Eine Gesellschaft, die das goutiert, ist kaum noch zu retten.

Surviving as a value itself?

Philip Kerr. If The Dead Rise Not

As a well known author of historical crime fiction and as the inventor of Bernie Gunther, a homicide detective in the deteriorating Germany of the Nazis, every new episode is evoking curiosity again. Up to which measure will Philip Kerr succeed to create a new criminal action interesting enough to get entangled in the deep network of political interest?

In this case action is taking place firsthand in Berlin 1934, in prospect to the Olympic games of 1936. The main frame is about sports, corruption and, of course, violent death. The deeper motive of the Nazis is to avoid an international boycott of the games driven by the USA. It would have meant a deep psychological crisis for the new awaking Germany and a sustainable damage of its reputation as a new player in international policy. And of course there was no better ground for lunatic, ruthless and gambling characters on all sides involved.

As usual, Bernie Gunther, after his demission from the suicide squad of Alexanderplatz because of his republican attitude, is dragged in a nasty story about corruption and murder as a detective of the Adlon Hotel. He falls in love to an attractive Jewish American writer who wants to collect material against the Nazi race politics. At the bitter end Gunther lets the gangsters go to save the live of this extraordinary woman.

More than 20 years later they meet again in Havana, Cuba, and the protagonists of Berlin 1934 act in a very stereotype epilogue, and again with a murder driven by love. The real head of action, Bernie Gunther, who has seen the Nazis rise an fall, who was witness of the Russian murders to polish military elite in Katyn, who survived past war Vienna as a snitch of the CIA and who hunted Nazis in Buenos Aires, Bernie Gunther is reflecting the sense of human existence and surviving at the end of a particularly too dense of clichés shaped book. If the dead rise not, yes, than every individual will be responsible for it ´s own deeds!

Die Dialektik der Malaise

Einer der innovativen Politiker dieses Landes hat auf seiner Homepage den Mut gehabt, in aller Offenheit über die Zweischneidigkeit der so genannten Politikverdrossenheit in unserem Land zu sprechen. Nicht nur, so schrieb er, gebe es unleugbare Tendenzen der Überdrusses im Volk, wenn es die Art und Weise betrachte, wie hierzulande und gegenwärtig Politik betrieben werde. Nein, und das ist selten und kann nicht genug gewürdigt werden, er führte aus, dass auch vielen Politikern der Appetit an diesem Geschäft gewaltig vergangen sei. Und hat man den Anstand, sich mental auf die Seite derer zu begeben, die das politische Gestaltungswesen im gegenwärtigen Zustand mit Verve bestreiten wollen, so kann man sich vorstellen, wie denen, die das wirklich wollen, alles vergellt wird, was konstruktiv sein könnte.

Betrachtet man die politischen Entscheidungsprozesse, die Kompliziertheit der Verfahren, die langwierigen Diskussionen, die teils völlig hirnrissigen und unqualifizierten Einwürfe von irgendwelchen Edelkomparsen aus dem halbgebildeten Mittelstand, die Sozialromantiker, die Subkulturalisten, die abgewichsten Lobbyisten, die Weichspüler und Intriganten, die zumeist die öffentlichen Diskussionen dominieren, so kann man sich sehr gut vorstellen, in welchem Gemütszustand sich diejenigen befinden, die etwas zum Guten bewegen wollen.

Von der anderen Seite aus betrachtet, d.h. von der Warte der nicht professionellen Interventionisten, kann einem doppelt übel werden. Hier die beschriebenen Berufsopponenten, dort die pathologisch und sozial mit ihrer Rolle verwachsenen Chefideologen der Politik, die mit dem Sexappeal von Fleischwölfen für Perspektiven werben, die längst keine mehr sind.

Denkt man an den anfänglich zitierten Politiker, dann scheint es jedoch eine Schnittmenge zu geben, die sowohl im Lager der professionellen Politik wie dem der aktiven Bürgerschaft Akteure liegt, die die intellektuelle und kulturelle Malaise in den öffentlichen Entscheidungsprozessen nicht mehr hinnehmen möchte. Die Zeit, sich von der Dogmatisierung, die an Unerträglichkeit kaum noch zu überbieten ist, zu distanzieren, scheint indes günstiger zu werden.

Die Voraussetzung, um Verhältnisse, die man nicht mehr gewillt ist, hinzunehmen, ist eine für jede demokratische Staatsform wesentliche. Es geht dabei um schlichte, aber rar gewordene Tugenden wie Aufrichtigkeit und Mut, genauso wie um Respekt. Betrachtet man die gegenwärtigen Diskussionen, die durch die medialen Castingshows mit politischen Jurys gejagt werden, die sich mittlerweile wie inquisitorische Totschläger gebärden, dann könnte der Mut fast wieder schwinden.

Dennoch ist es nie zu spät, neue Ziele zu formulieren und Allianzen zu schmieden, die durch Strategien bestechen, die jenseits partikularer, feister und degoutanter Interessen liegen. Der Widerstand ist stets ein guter Schirmherr für eine neue Qualität.