Archiv für den Monat Oktober 2010

Totalitäre Konzeptionen und profane Unzulänglichkeiten

Egal in welcher Epoche man sich durch die Arsenale wühlt, es findet sich fast immer ein Zusammenhang zwischen der Radikalität von bestimmten Programmen und großen Defiziten bei der Organisation des profanen Lebens. Verwundern tut dies nicht, denn die Diskrepanz zwischen realem Sein und gewünschtem Zustand kann groß sein. Menschen oder Organisationen, die um ihre eigene Qualität und die eigenen Potenziale wissen, geben sich zumeist souverän und wirken bei der Formulierung ihrer Pläne nicht gerade wie Himmelsstürmer. Andersherum sind diejenigen, die sich von einer Unzulänglichkeit zur nächsten hangeln zumeist Meister in der radikalen Formulierung zukünftiger Strategien.

Das Ganze entspringt einem Doppelcharakter, den zu entschlüsseln sich bereits Hegel aufgemacht hatte. Und als dessen eifriger Schüler hat Karl Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie noch eins draufgesetzt, indem er aus dem Grundgedanken seine Religionskritik ableitete. Die Tatsache, so formulierte er, dass sich die Menschen eine andere Welt in den Himmel projizierten, entspringe dem realen Bedürfnis, ihrem irdischen Dasein zu entfliehen. Indem sie dieses täten, lenkten sie die Konzentration von dem harten Werk der Veränderung des hiesigen Daseins ab und wirkten quasi affirmativ, d.h. sie schrieben die schlechten Verhältnisse sogar noch fest. Insofern sei die Religion tatsächlich Opium des Volkes. Aber, so fuhr er fort und so wurde es in der Exegese später oft unterschlagen, indem das Volk sich einen idealeren Zustand in den Himmel projiziere, protestiere es gleichsam gegen die irdische Realität. Insofern wohne der Religion auch etwas Protestatives inne.

Wendet man den durchaus nachvollziehbaren Denkansatz auf eine etwas kleinere Dimension als gleich eine Religion an, so wird er richtig interessant. Es stellt sich dann nämlich die berechtigte Frage, inwieweit die Formulierung von Veränderungsstrategien einerseits affirmativ sind und einlullen und andererseits protestativ sind und die gegenwärtigen Verhältnisse anklagen. Und dekliniert man einige Erfahrungen aus dem eigenen Alltag durch, kommt man zudem Resultat, dass von beidem etwas in diesem Sachverhalt steckt.

Bliebe nur noch aufzuschlüsseln, ob es möglich sein sollte, aus der radikalen Diktion von Zukunftsprogrammen auf die Entschlüsselung von Defiziten derer zu kommen, die sie formulieren. Und auch dort finden sich in der jüngeren Geschichte genügend Beispiele, die auf eine Verifizierung der These hindeuten, dass die Radikalität des formulierten Anspruchs zumeist auch, unabhängig von den so genannten objektiven Bedingungen, mit der praktischen Unzulänglichkeit der Kritiker selbst zusammenhängen.

Diese Erkenntnis sollte wiederum nicht dazu dienen, den Wunsch nach Veränderung zu diskreditieren, aber sie kann helfen, die Distanzierung der Propheten von einem weltlichen Maß, dem auch sie unterliegen, zu verhindern.

Intonierte Biographie

Joe Cocker. Hard Knocks

Was muss ein Mann noch beweisen, der vom Gasinstallateur aus dem britischen Sheffield es auf alle Bühnen der Welt geschafft hat, der bereits in jungen Jahren zur Legende wurde, der so schnell verschwand wie er aufgetaucht war und doch nach einigen Jahren zurückkam, um unangefochten zu bleiben. Schon damit durchbrach er das Gesetz der Boxer, von denen es hieß, they´ll never come back. Joe Cocker, der seit zwei Jahrzehnten auf der Mad Dog Farm in Colorado residiert und von dort immer mal wieder auf Welttournee geht, Joe Cocker muss keinem mehr etwas beweisen.

Umso schöner ist es, dass mit seinem neuen Album Hard Knocks nun eine weitere Reflexion der eigenen Biographie in musikalischer Form zugänglich ist. Er hat nie für sich reklamiert, der große Innovator zu sein, vieles von dem, das ihn berühmt gemacht hat, waren Cover-Versionen, die durch seine persönliche, raue, proletarisch einfühlsame Note überzeugten. Der Mann, der oft aufs Pflaster geschlagen ist, durch Schulden, Suff und Gewalt, der seit Jahrzehnten aus den wilden Zeiten gelernt hat, nimmt sich da Recht heraus, in seinen Liedern darüber überzeugend zu erzählen.

Der Titelsong Hard Knocks ist eine Hymne an die Ehrlichkeit zu sich selbst. Ohne zu heroisieren erzählt Cocker von den Schlägen, die er hat einstecken müssen wie ein Boxer in den Seilen. Und es klingt wie eine Verhöhnung der zeitgenössischen Welt, in der die Botox getriebene Camouflage die Geschichte aus den Gesichtern eliminieren soll, dass Cocker die Narben und Schrammen, die er sich in den Lebenskämpfen zugezogen hat, stolz auf seiner Brust trägt wie Orden aus dem großen vaterländischen Krieg. Trotz aller Verletzungen sind die Schläge und ihre Folgen Notwendigkeiten auf dem eigenen Weg der Befreiung.

Und so ist das Album zu lesen wie ein Fazit aus den Betrachtungen des Lebenskampfes. Get On, So It Goes, Stay The Same sind allesamt Titel, die in dieser Linie stehen und keinerlei Raum lassen für eine falsch verstandene Larmoyanz, die keinem etwas nutzt. Ganz im Gegenteil, in Thankful wird sich sogar noch bedankt für einen Lebensweg, der alles andere als leicht war oder keinen Preis gefordert hätte. Dass er dabei teilweise seine Ranküne wie in Unforgiven mit sich trägt, ist da nur allzu menschlich, und dass er seine Reflexion über die eigene Geschichte beschließt mit I Hope zeugt von dem ungebrochenen Willen des heute 66jährigen Sängers.

Man mag es kaum glauben, aber Hard Knocks reicht an eine Zeit zurück, in der man von Konzeptalben sprach, als es noch keine Überforderung an das Publikum darstellte, einen komplexeren Zusammenhang auf die Sinne einwirken zu lassen. Joe Cocker, der Vernarbte, der Ungebrochene, der Proletarier, er steht zu seiner Weise, und die ist an Ehrlichkeit kaum zu überbieten.

Schwäbische Äuglein entdecken staunend die Demokratie

Zugegeben: Parteien, die seit Jahrzehnten die Regierung stellen, verlieren den Bezug zu den tatsächlichen Problemen des Landes. Das war bei der Sozialdemokratie so in Nordrhein-Westfalen, das ist bei der CSU seit einiger Zeit in Bayern zu beobachten und schon wahrlich lange sind die Christdemokraten in Baden-Württemberg ein Musterbeispiel für die exzessive Eigendynamik politischer Macht und die damit einher gehende Arroganz. Ein Besuch in Ministerien solcher Länder vermittelt das Gefühl, in der berühmten Zeitmaschine von H.G. Wells zu sitzen und einen Halt in den Hallen eines totalitären Systems zu machen, und das unabhängig von der aktuellen politischen Couleur.

Nun, da in Stuttgart etwas passiert ist, was seit Bestehen dieses Staates regelmäßig passiert, dass sich nämlich Widerstand gegen etwas formiert, das formal-juristisch und von den demokratischen Prozessen her durchaus legitimiert ist, hat man im Schwabenland mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass es eine Exekutive gibt, die so etwas auch notfalls mit Gewalt durchsetzt. Insofern gäbe es nichts zu berichten, wäre da nicht die Welt, die in dieser Provinz zusammen bräche und alle aus der Fassung brächte.

Quasi als inklusives pädagogisches Mittel für die erschütterte schwäbische Seele schlug nun selbst der Pforzheimer Hardliner Mappus ein Schlichtungsverfahren vor und grub den allseits als weise bezeichneten Heiner Geisler aus, der als Kopf des Prozesses der Güte die Mütchen kühlen soll. Und man kann dem Mann in Bezug auf seine wechselhafte politische Karriere alles nachsagen, nur nicht, dass es ihm an Selbstvertrauen fehle.

Und so hat es der Schlichter auch in kurzer Zeit hinbekommen, das Faktum, dass die Schlichtungsgespräche öffentlich sind, d.h. auch im Netz und auf Phönix live nach zu verfolgen sind, als eine völlig neue Qualität und als Durchbruch der Demokratie zu feiern. Und alles ist enthusiasmiert und feiert kräftig mit, was insofern erstaunt, als dass politische Debatten, d.h. Diskussionen, denen eine Entscheidung folgt, seit je her, spätestens seit den Ostverträgen des Kanzlers Willy Brandt und seit dem in der Ära eines jeden Kanzlers durchaus von einer sehr interessierten Öffentlichkeit und live verfolgt wurden. Und in den USA, mal nebenbei, sind die Live-Übertragungen von Untersuchungsausschüssen und analogen Schlichtungsverfahren so alt wie das Fernsehen selbst. Der Unterschied, den die schwäbische Episode nun ausmacht, ist das Phänomen, dass es sich um eine lokal begrenzte, sprich provinzielle Angelegenheit handelt, die durch die hohe Aufmerksamkeit nahezu etwas Pragmatisches erhält.

Der in dem Stuttgarter Schlichtungsverfahren gelobte Durchbruch der Demokratie, der zustande gekommen ist durch eine medial gut positionierte, partikulare Opposition, erscheint zunehmend wie die Marketingkampagne einer Minderheit, die exemplarisch die Machtfrage stellt und demokratische Verfahren nachhaltig, um den infaltionierten Begriff an der richtigen Stelle zu gebrauchen, nachhaltig beschädigt.