Egal in welcher Epoche man sich durch die Arsenale wühlt, es findet sich fast immer ein Zusammenhang zwischen der Radikalität von bestimmten Programmen und großen Defiziten bei der Organisation des profanen Lebens. Verwundern tut dies nicht, denn die Diskrepanz zwischen realem Sein und gewünschtem Zustand kann groß sein. Menschen oder Organisationen, die um ihre eigene Qualität und die eigenen Potenziale wissen, geben sich zumeist souverän und wirken bei der Formulierung ihrer Pläne nicht gerade wie Himmelsstürmer. Andersherum sind diejenigen, die sich von einer Unzulänglichkeit zur nächsten hangeln zumeist Meister in der radikalen Formulierung zukünftiger Strategien.
Das Ganze entspringt einem Doppelcharakter, den zu entschlüsseln sich bereits Hegel aufgemacht hatte. Und als dessen eifriger Schüler hat Karl Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie noch eins draufgesetzt, indem er aus dem Grundgedanken seine Religionskritik ableitete. Die Tatsache, so formulierte er, dass sich die Menschen eine andere Welt in den Himmel projizierten, entspringe dem realen Bedürfnis, ihrem irdischen Dasein zu entfliehen. Indem sie dieses täten, lenkten sie die Konzentration von dem harten Werk der Veränderung des hiesigen Daseins ab und wirkten quasi affirmativ, d.h. sie schrieben die schlechten Verhältnisse sogar noch fest. Insofern sei die Religion tatsächlich Opium des Volkes. Aber, so fuhr er fort und so wurde es in der Exegese später oft unterschlagen, indem das Volk sich einen idealeren Zustand in den Himmel projiziere, protestiere es gleichsam gegen die irdische Realität. Insofern wohne der Religion auch etwas Protestatives inne.
Wendet man den durchaus nachvollziehbaren Denkansatz auf eine etwas kleinere Dimension als gleich eine Religion an, so wird er richtig interessant. Es stellt sich dann nämlich die berechtigte Frage, inwieweit die Formulierung von Veränderungsstrategien einerseits affirmativ sind und einlullen und andererseits protestativ sind und die gegenwärtigen Verhältnisse anklagen. Und dekliniert man einige Erfahrungen aus dem eigenen Alltag durch, kommt man zudem Resultat, dass von beidem etwas in diesem Sachverhalt steckt.
Bliebe nur noch aufzuschlüsseln, ob es möglich sein sollte, aus der radikalen Diktion von Zukunftsprogrammen auf die Entschlüsselung von Defiziten derer zu kommen, die sie formulieren. Und auch dort finden sich in der jüngeren Geschichte genügend Beispiele, die auf eine Verifizierung der These hindeuten, dass die Radikalität des formulierten Anspruchs zumeist auch, unabhängig von den so genannten objektiven Bedingungen, mit der praktischen Unzulänglichkeit der Kritiker selbst zusammenhängen.
Diese Erkenntnis sollte wiederum nicht dazu dienen, den Wunsch nach Veränderung zu diskreditieren, aber sie kann helfen, die Distanzierung der Propheten von einem weltlichen Maß, dem auch sie unterliegen, zu verhindern.
