In Rostock, aus welchem wenige Jahre nach der Wende Bilder um die Welt gingen, auf denen ein wütender Mob zu sehen war, der Wohnsilos von Vietnamesen angesteckt hatte, um diese bei lebendigem Leibe zu verbrennen, in Rostrock lud nun die Junge Union die Prominenz der Partei ein. Der Nachwuchs der numerisch momentan einzigen Volkspartei brachte angesichts der unangenehmen Umfragewerte für die Partei und wegen der schlechten Stimmung an der Basis seine Sorge zum Ausdruck. Vor allem drücke das Thema Integration, da liege vieles im Argen und keiner wisse so genau, wie da weiter vorgegangen werden solle.
Die Kanzlerin stützte den Präsidenten, indem sie den Islam als Bestandteil Deutschlands deklarierte, die Sozialministerin versicherte, man wolle nur qualifizierte Zuwanderer und der CSU-Vorsitzende warnte, Deutschland könne nicht das internationale Sozialamt werden. Ob die Rollenteilung und die ins Publikum geworfenen Gedankenschnipsel die junge Parteibasis beruhigt haben, ist nicht zu sagen, ein richtungsweisender Beitrag zum Thema Integration waren sie nicht und damit fügten sie sich ein in die Traditionslinie der Partei, die sich mit diesem Thema schwer tut, obwohl sie eine der wenigen Kräfte wäre, die eine moderne Lösung der Frage ohne den ideologischen Schmu der Sozialromantik politisch würde durchsetzen können.
Die gegenwärtig unsinnigen Debatten um die Frage der Integration werden zu nichts führen als weiteren Verwerfungen, wenn nicht das Thema der Staatsbürgerschaft in den Fokus rückt. Die Frage, ob wir ein Einwanderungsland sind, ist – setzt man seine eigene Existenz in Städten als Erfahrungsmaßstab voraus – ebenso lächerlich wie die Gegenüberstellung von Sozialleistungsempfängerkarrieren bei Migranten und mustergültig integrierten Leistungseliten irreführend. Solange das völkische Geschwurmel über die Staatsbürgerschaft vorherrscht, werden Debatten über Katholizismus und Islam die Öffentlichkeit dominieren, was zu nichts führen kann, weil es bei beidem um private Bekenntnisse und nicht um einen öffentlichen Status aller geht.
Das gegenwärtig in Deutschland immer noch geltende ius sanguinis, das Recht des Blutes, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten und mit dem der Altkanzler Kohl Tausende von ehemaligen Wolgadeutschen aus der Zeit Katharinas der Großen, die in der Stalinära nach Kasachstan zwangsumgesiedelt worden waren, heim ins Reich holte, während türkische Steuerzahler der dritten Einwanderungsgeneration in Berlin behandelt wurden wie fälschlich zugesandte Orientteppiche, dieses Recht entmutigt alle, die aufgrund ihrer eigenen Leistung eine Perspektive in Deutschland sehen.
Das ius soli, das Recht des Bodens, d.h. die automatische Staatsbürgerschaft bei Geburt, würde vieles aus der Diskussion nehmen, was nur noch emotionalisiert, aber noch nie weiter gebracht hat. Arisierte Stammbäume und Religionsbekenntnisse sind kein Ersatz für Recht, Gesetz und Gerechtigkeit. Man kann nicht Aufklärung bei Einwanderern anmahnen, wenn man selbst in Kategorien der Vor-Aufklärung denkt!
