Zukunftsvision: 60, Perlenkette

Es mutet alles an wie die Folge einer schwäbischen Familienserie aus den sechziger Jahren. Da kommt die große Politik daher und will die Welt verändern und keiner weiß so richtig, was das alles soll. Die verschlafene, etwas zurück gebliebene schwäbische Familie wird aus ihrem bornierten Idyll gerissen und zetert in kaum verständlicher Weise gegen das Neue, das keiner brauche. Während derartige Fernsehserien vor einem halben Jahrhundert Produkt eines Aufklärungsprozesses der Gesellschaft waren, die begriffen hatte, wie sich industrieller Fortschritt auf den Lebensstandard auswirkt und wo die Horte der Engstirnigkeit auszumachen waren, sind wir im Kontext von Stuttgart 21 in einem anderen Stück. Obwohl hier auch jetzt so manch zur Schau gestellte schwäbische konservative Lady mit Porsche, stahlgrauem Haar und Perlenkette gegen ein neues Projekt der Politik zetert, bekommt man den Eindruck, als reibe sich nun eine aufgeklärte Minderheit die Augen über einen Prozess, der absurder nicht sein könnte.

Bereits in einem industriell führenden, exportabhängigen Land lebend, das Planungsprozesse von 15 Jahren hinnehmen muss und so ständig und beschleunigt Terrain verliert, wachen nun, da die praktische Konsequenz vor der Tür steht, Kohorten auf, deren Lebenserwartung nicht mehr weit hinter der Realisierungsphase des Projektes liegen. Wenn dann keine intrinsische Reflexion darüber vorhanden ist, ob man mit seinem Votum einen Zeitraum beeinflussen wird, der nicht mehr der eigene ist, wird es heikel.

Zum Thema der demographischen Entwicklung ist bereits vieles ausgeführt worden, dass jedoch noch vor der ersten großen Welle der Geriatrisierung der Gesellschaft sich Senior Pressure Groups bilden, die zukünftige Entwicklungen blockieren, war so nicht erwartet worden. Auch bei dem Volksentscheid in Hamburg hinsichtlich der sechsjährigen Grundschule hatten sich, wie erst jetzt entschlüsselt wird, neben den auf soziale Separation setzenden neuen Eliten mehrheitlich Menschen an dem Votum beteiligt, die bereits jenseits des 60. Lebensjahres sind. Auch dort stellt sich die Frage, was diese Kohorten mit einer zukunftsorientierten Schulreform noch zu tun haben.

Ob Infrastrukturprojekt oder Schulreform, die gegenwärtige bundesrepublikanische Gesellschaft versprüht nicht den Charme der Jugendlichkeit. Die Ausdifferenzierung der Bürokratie nach den Prinzipien der Politischen Korrektheit ist das beste Indiz für den Eintritt in eine wohl länger anhaltende Dekadenzphase, da spielt die Dominanz älterer Mitbürger bei den Zeugnissen gegenüber der Unmenschlichkeit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die Erosion demokratisch legitimierter Verfahren korrespondiert mit einer gleichzeitigen Deklination nach den Prinzipien des PC-Brainwashs. Die Durchdringung der politischen Entscheidungsprozesse mit einer totalitären Terminologie suchte nur noch nach einem Maskottchen: 60, Perlenkette, Porsche, PC = 60 PP!