Archiv für den Monat September 2010

Eine Hommage, die bewegt

Wynton Marsalis, Richard Galliano. From Billie Holiday to Edith Piaf

Wenn zwei Großmeister vom Schlage Wynton Marsalis´ und Richard Gallianos zum Tanz bitten, dann müsste schon etwas Unvorhergesehenes geschehen, um sich nicht in einer rauschenden Ballnacht wieder zu finden. Beide haben im Jazz alles erreicht, was dieses Genre einem Musiker bieten kann. Umso spannender ist es, den aus Cannes stammenden französischen Akkordeonisten Galliano zusammen mit dem aus New Orleans kommenden Trompeter Marsalis zusammen zu hören, wie sie zwei großen Sängerinnen ihrer Länder ihre Hommage erweisen. Auf einem Livekonzert in Macriac gaben sie sich die Ehre und spielten Lieder von Edith Piaf und Billie Holiday. Übrigens ein Unterfangen, das durchaus nicht ungefährlich ist, weil die Einzigartigkeit beider Sängerinnen in der Musikgeschichte dokumentiert ist und eine bloßer Kopieversuch fürchterlich enden kann.

Abwechselnd, sich mal ein Stück von Piaf und dann wieder eines von Holiday vornehmend, machen sich die beiden zusammen mit einer exzellenten Band daran, um Thema wie Seele der Stücke herum zu improvisieren und die Tiefe zu interpretieren. Beginnend mit La Foule, in dem Galliano mit seinem Akkordeon den Text des französischen Blues spricht, fortgesetzt mit Them Their Eyes, in dem Marsalis das Tempo des amerikanischen Jazz vorgibt, wird sehr schnell deutlich, was die Zuhörerschaft zu erwarten hat. Mit Padam, Padam geht es weiter, wobei die beiden dort erfolgreich versuchen, zwischen der französischen Melancholie und dem amerikanischen Blues eine Symbiose herzustellen. In What A Little Moonlieght Can Do macht Marsalis wiederum deutlich, dass er nicht gewillt ist, das Brüchige der Billie Holiday kopieren zu wollen, sondern er fliegt wie ein Jäger der Lüfte durch die Akkordfolgen und zeigt, wie flüchtig die Zeiten des Ruhmes sind und wie fragmentarisch die Erinnerungen an das wird, was einst als bedeutend galt.

Bei dem Titel Bilie wiederum gelingt es den beiden, das Modale Billie Holidays in die französische Sphäre zu ziehen und man bekommt eine Idee davon, warum Marsalis und Galliano ausgerechnet diese beiden Sängerinnen mit ihren Werken zu diesem Experiment ausgesucht haben. Es geht ihnen darum, das Verbindende dieser beiden so erfolgreichen, aber brutal gescheiterten Frauen zu vermitteln. Bei L´Homme A La Moto merkt man, dass die Maschinen heute schneller geworden sind, aber das von Piaf angedeutete technokratische Zerrbild der Männerwelt durchaus geblieben ist.

Und schließlich, bei Stange Fruit, dem Stück, das die ganze Leidensgeschichte der afroamerikanischen Bevölkerung von der Sklaverei bis in die Neuzeit in eine Weise bringt, die unter die Haut geht, und das als die wohl bis in alle Zeiten bleibende von Billie Holidays Interpretationen zu gelten hat, zeigt Wynton Marsalis, warum er der amerikanische Jazzer ist, der seit Jahren versucht, den Jazz im amerikanischen Kulturerbe festzuschreiben. Kongenial gelingt es Marsalis und Galliano, eine Inszenierung von Strange Fruit zustande zu bringen, die nicht nur an die rassistischen Pogrome im Mississippidelta, sondern auch an die Konzentrationslager in Europa erinnert. Was als ein netter Liederabend zu beginnen schien, endet als ein großartiges Stück Weltmusik.

Schwarze Messen der Demagogie

Während der ehemalige Berliner Finanzsenator und heutige Vorstand der Bundesbank Thilo Sarrazin wegen eines Buches gemeuchelt wird, während eine Meute hysterischer Politiker, die in Fragen der Integration sich über Jahrzehnte schwerster Unterlassungen schuldig gemacht haben seinen Rücktritt fordern, während eine Journaille, die nicht einmal mehr die Grundlagen einer ausgeglichenen Berichterstattung beherrscht die Jagd auf Sarrazin freigibt, und während eine Kanzlerin, deren Partei das Faktum Deutschlands als einem Einwanderungsland beharrlich über Jahrzehnte geleugnet hat sich als kritische Buchrezensentin aufspielt, während das ganze Land medial Amok läuft, tritt Außenminister Guido Westerwelle vor die Presse und verkündet, dass der Kosovo anerkannt und finanziell unterstützt werden muss.

Die europäische Wiege des Waffen- und Menschenhandels, der mafiösen Struktur und der Korruption erhält die offizielle Protektion der Bundesregierung und keinem Hahn entringt sich ein Schrei. Das schert keinen wie dem beispiellos moralisch integren Michel Friedmann oder dem Billigflieger und in Brüssel chemisch gereinigten Cem Özdemir.

Wie noch vor wenigen Wochen, als sich, diesmal weniger eskortiert von Politikern, sondern von dem Megärenduo Will-Schwarzer das Ergebnis eines Strafprozesses vorweggenommen wurde und in breiter Öffentlichkeit bereits Opfer- und Täterrolle klar vergeben wurde, ohne dass sich ein Staatsanwalt eingeschaltet hätte, um die Unabhängigkeit von Gerichten zu reklamieren.

In beiden Fällen gebärdet sich eine absolutistische Logik in orgiastischer Weise. Es geht nicht um Wahrheitsfindung, sondern um die Installierung von Herrschaftstabus, die ihrem Wesen nach nicht hinterfragt werden dürfen. Wer Kachelmann gemäß des Prozederes eines Gerichtsverfahrens nur die Unschuldsvermutung unterstellte, dem wurde die Komplizenschaft zur Vergewaltigern zugewiesen. Und wer heute einzelne Thesen Sarrazins, wie zum Beispiel die mangelnde Integration über den Arbeitsmarkt als für überdenkenswert erachtet, der ist so schnell eine rassistische Sau, dass er sich nicht einmal mehr von seinen engsten Angehörigen in der entsprechenden Form verabschieden kann.

Die Politik, der eigentlich in der Demokratie die Rolle zukommt, das Wesen unseres Weltbildes auch gegen Stimmungen in den Vordergrund zu stellen, die Politik gerät in Panik und versucht noch vorzupreschen in den medialen Lynchritualen. Sie hat versagt, sie hat ein Vakuum des politischen Sinns erzeugt, in das jetzt die Demagogenflut ungehindert eindringt.

Dieses Land gerät zu einer mehr und mehr unangenehmen und ekelhaften Veranstaltung, da ein an Spielregeln festzumachender Diskurs nicht mehr möglich ist. Es herrschen Dogmatismus, Demagogie und Ausgrenzung. Wer so vorgeht, der wird die Frage der Integration nie lösen können.

Das Tafelsilber des Westens

Die Stärken des Westens, Europas und Deutschlands sind zurückzuführen auf eine karge Natur und den frühen Zwang, durch Disziplin und Rationierung zu existieren wie der europäischen Aufklärung. Die zunächst bizarr erscheinende Nebeneinanderreihung materieller Lebensbedingungen und einem geistigen Befreiungsschlag mag verwundern, löst sich aber auf, wenn wir den Mut aufbringen, alles das einmal aufzureihen, was als Stärke im Vergleich zu anderen Weltkulturen und Weltökonomien identifiziert werden kann.

Unsere Gesellschaft basiert auf kodifiziertem Recht, das einklagbar und sanktioniert ist. Wir verfügen in unserer Konstitution über ein selbst referentielles Ich, das geschützt ist und zur Verantwortung gezogen wird. Unser Denken ist wie selbstverständlich geprägt von einer Orientierung auf Ziele und wir beherrschen das Messen, Wiegen Zählen und Buchführen. Die Staatsform, in der wir uns bewegen, ist eine Demokratie.

Die geistigen Grundlagen für unser ökonomisches und politisches Handeln entstammen aus einer ausdifferenzierten Wissenschaft, die über eine mächtige moralische Lobby verfügt. Der Mangel hat uns zu einer Planungsintelligenz verholfen, die einzigartig ist und außer Konkurrenz steht. Wir handeln anhand wissenschaftlich erprobter Methoden und entwickeln die hoch differenzierte Methodologie stetig weiter. In hohem Grade folgen wir einer in unser Denken und Handeln tief eingepflanzten und historisch gewachsenen Ressourcenökonomie, die uns letztendlich auch zu dem Feld der Ökologie geführt hat, das wir politisch beherrschen, auf dem wir uns technisch Vorteile verschaffen können und das uns in die Lage bringen kann, neue Quellen des Reichtums zu erschließen.

Wir verfügen über ein kritisches Ich, das uns in die Lage versetzt, unser eigenes Handeln einer Bewertung zu unterziehen und Fehler unabhängig von moralischen Komplikationen zu ergründen. Zudem verfügen wir über eine Infrastruktur, die es uns ermöglicht, schnell zu sein. Bis dato gesellen sich zu den Vorteilen sogar noch Wohlstandsreservoirs, die uns vor Zornphilosophien schützen und das Handeln aus einer gesicherten Existenz in großem Maße erleichtern.

Die globale Dominanz des Westens resultiert aus der Emanzipation der Philosophie von der Religion, aus der Individualisierung der Verantwortung, aus der Kodifizierung von Recht und aus der Legitimation durch Verfahren. Sie ist das Produkt einer Versachlichung der Welt und ihrer Befreiung von Mythen. Der Doppelcharakter dieser Art von Aufklärung ist hinreichend beschrieben worden, die positiven Ergebnisse jedoch sind nicht von der Hand zu weisen.

Das Tafelsilber des Westens ist mit der Qualität kritischen Denkens und mit dem Bild der physischen Vernetzung, sprich mit Bildung und Infrastruktur am besten zu beschreiben. Es hat noch beträchtlichen Wert, wird allerdings zunehmend unter Kurs verspielt.