Archiv für den Monat September 2010

Geographische Ursachen unterschiedlicher Kernkompetenzen

Jeder Kulturkreis unterliegt einer ausgeprägten Tendenz zum zentristischen Weltbild. Die Maßstäbe für das eigene Denken und Handeln sind zurächst auch diejenigen, mit denen der Rest der Welt, zumindest in einem ersten Stadium, betrachtet wird. Der jeweilige Blick auf die Restwelt ist jedoch sehr unterschiedlich, da die Schaffung der Lebensbedingungen und die vorgefundenen natürlichen Rahmenbedingungen verschieden sind. Wüstenvölker haben eine andere Vorstellung von dem Weg zur Prosperität als die der Tropen, und in den gemäßigten Zonen ist die Perzeption der Weltbildung wiederum eine andere.

Der Ressourcenökonomie und Rationalität des Westens steht ein Konzept gegenüber, dass sich nicht auf die Produktion von Wert, sondern auf dessen bestmögliche Distribution konzentriert. Vom levantischen Händler zum arabischen Investor, vom singapurischen Broker bis zum javanischen Goldhändler ist in der östlichen Hemisphäre eine Kernkompetenz zu verorten, die aus Ressourcenreichtum oder der Kenntnis und/oder dem Besitz der Handelswege, sprich der Infrastruktur resultiert. Mit dem Aufenthalt auf den verschiedene Kulturen und Produktionszonen durchschreitenden Handelswegen entstand eine tiefe Kompetenz der interkulturellen Interaktion. Reichte es im Westen, die durchaus ergiebigen Märkte mit einer perfekten Produktion und einem transparenten Zahlenwerk zu befriedigen, so hatte ein Großteil der östlichen Hemisphäre die Märkte mit der Verheißung zu bezaubern.

Es entwickelte sich eine Klasse von Händlern, die in der Lage sind und waren, aus den Essgewohnheiten ihres jeweiligen Gegenübers die Religion, aus den Geschichten, die sie erzählen, ihr Wertesystem und aus dem Umgang mit Fremden ihre Vorstellung geglückter sozialer Beziehungen zu entschlüsseln. Was dem westlichen Händler, den es natürlich auch gibt, völlig fremd zu sein scheint, ist denen des Ostens in Fleisch und Blut übergegangen: Sie rechnen nicht im Detail, sondern sie setzen auf den Ausbau der sozialen Beziehung, ihr Handel schließt ein vereinbartes Verhalten auf anderen Feldern wie dem der Politik ein, und ein geglücktes Geschäft entsteht nur aus einem gemeinsam als angenehm empfundenen Prozess.

Aus diesem Unterschied heraus lassen sich sehr viele gescheiterte Dialoge zwischen Ost und West entschlüsseln, das jüngste Debakel der USA unter der Bush Administration im Irak und dem gesamten Nahen Osten dokumentieren das gänzliche Unverständnis gegenüber einem Kulturkreis, in dem ein Handel von anderen Fakten dominiert wird als von geldmessbaren Größen.

Die Fokussierung von Kompetenzen auf geographische Komplexe, die ihrerseits unterschiedliche Bedingungen von Produktion und Ressourcenverfügbarkeit aufweisen, kann nicht bei dem Unterschied von Mitteleuropa und Zentraleuropa aufhören, auch wenn es aus unserer Sicht zu einem der spannendsten Komplexe der Neuzeit gehört, denn bei genauerem Hinsehen wird deutlich, in welchen Hirnen dilettantischer Kaufleute des Westens des Antisemitismus des XX. Jahrhunderts entstehen konnte.

Kompetenzfelder jenseits messbarer Rationalität

Der große Vorteil, an den wir alle glauben, entspringt der Gewissheit, dass nur wir es wären, die lang andauernde Mangelperioden überleben würden. Grundlage dieser Idee ist unsere tatsächlich vorhandene Kompetenz der Ressourcenökonomie und der Fähigkeit, sich unter strategischen Gesichtspunkten einzuschränken. Das basiert auf einer durchaus realen Selbsteinschätzung. Die Täuschung ergibt sich erst aus dem zweiten Aspekt: Wir nehmen an, dass es so etwas wie ein weltweites Belohnungssystem für diese Tugenden gibt. Das hieße, wer sich diszipliniert, seine Ressourcen einteilt und an die Zukunft denkt, der hat im globalen Lauf die Nase vorn, während die Mundräuber der Weltwirtschaft irgendwann aufgrund ihres unverantwortlichen und irrationalen Handelns scheitern müssten.

Wenn jedoch ein Trugschluss im Abendland existiert, dann ist es dieser. Seit dem frühen Imperialismus und der Etablierung von Kolonialreichen hat sich der Westen für die neuere Periode der Geschichte die Erde untertan gemacht und sie anhand seiner Maßstäbe gemessen und gewogen. Der Reichtum dieser Welt, auch wenn er in entfernten Regionen liegt, wird bewertet und weltweit wiederum in den Umwandlungsprozess der Produktion und des Handels eingebracht.

Die politische Herrschaft über natürlichen Reichtum oder Ressourcen wird nicht abgeleitet von der Qualität einer Regierungsführung oder dem Maß an politischer Legitimation. Zu oft hat uns die Geschichte gezeigt, dass gerade dort der natürliche Reichtum überwiegt, wo sich die Despoten auszuhalten pflegen. Das ist kein Zeichen göttlicher Fügung, sondern eher ein Indiz für den Zwang zur Rationalität aus der Kargheit und dem Mangel heraus und den Hang zu Libertinage und Irrationalität aus dem Überfluss.

Die moralisch tief empfundenen Ungleichheiten auf dieser Welt entspringen einem als ungerecht empfundenen System, das den schlecht Bedachten das Instrumentarium der Wissenschaften und des elaborierten Denkens zur Verfügung stellt, während die im Überfluss Stehenden sich jede Torheit leisten können, ohne vom Schicksal dafür bestraft zu werden.

Die emotionale Spaltung der Welt beruht auf diesem Prinzip und es wurde vor allem getrieben von den protestantischen Rationalisten des Westens, die den satten Süden und Osten dieses Planeten als Garten der Lüste und der Sünde diffamierten, weil dort nicht die protestantische Leistungsethik, sondern die Natur an sich für großen Wohlstand gesorgt hatte.

Die große Kompetenz derer, die von der Natur in diesem Sinne gesegnet waren, bestand nicht in einer produktiven Rationalität, sondern in einer distributiven Genialität. Die versierten Händler und Kaufleute, die nicht jede Unze registrierten, sondern die soziale Beziehung mit in den Handel einrechneten, bezogen diese Kompetenz aus dem natürlichen Überfluss und dem Wissen, einer notwendigen Zirkulation von Reichtum. So wurden Produktion und Handel zu zwei Domänen, die um die Weltherrschaft rangen.

Kontexte der Sozialisation

Bei der Bestimmung wesentlicher Einflussfaktoren auf unsere Persönlichkeitsstruktur finden sich nicht nur die direkten Interventionsgestalten wie das Elternhaus, die Schule oder der Betrieb wieder. Wir sind zudem geprägt von einer bestimmten spirituell und kulturell zu definierenden Schwingung, die wir oft profan den Zeitgeist nennen. In der psychosozialen Dimension sind wir heute sehr geprägt von den Phasen der Traumatisierung als Kriegsfolge und der überprägten Sensibilisierung, die sich in Skeptizismus und Defätismus äußert. Unabhängig davon existierten und existieren bei unserer Sozialisation weiterhin positive Kraftfelder, die sich aus den Assets unseres Kulturkreises speisen.

Das, was als das Tafelsilber des Westens bezeichnet wurde und mit den großen Überschriften von Bildung und Infrastruktur benannt werden kann, wird komplettiert durch die Vorteile des sich selbst reflektierenden Ichs in seiner aufgeklärten Disposition. Neben der Selbstverständlichkeit einer physischen Infrastruktur und der ebenso vorhandenen Gewissheit, einen Zugang zu Bildung zu bekommen, haben sich Denkweisen in die Individualität westlicher Menschen eingepflanzt, die keiner Sozialisationsinstanz direkt gutgeschrieben werden können, sondern als kulturell-nationale Identitäten verstanden werden müssen.

Kein Mensch in der globalen Sphäre ist so von einer Zielorientierung geprägt wie der westliche. Das Denken in Zielen sowie in Mittel-Zweck-Relationen ist ihm quasi von der Wiege her mitgegeben und prägt den gesamten existenziellen Rhythmus. Bis zur Herausbildung einer eigenen Disziplin, der Teleologie, hat sich der westliche Kulturkreis mit dem Zweck der Dinge, mit den Mitteln zu seiner Erreichung, was sich in der Methodologie ausdrückt, intensiv beschäftigt. Von der Beherrschung handwerklicher Technik bis zur Handhabung der Macht wurde die Relation von Zweck und Mittel verwissenschaftlicht und somit einer moralischen Kontrolle enthoben. Die Kritik an letzter Entwicklung wurde in dem Vorwurf der Technokratie und des Utilitarismus manifest, dem die Kritik an einer rein technisch definierten Form der Beherrschung und der Befreiung jeglicher gesellschaftlicher Moralität innewohnt.

Eine ähnliche Form der Weltherrschaft wurde durch einen weiteren Sozialisationskontext bewirkt. Das Wissen in den gemäßigten Zonen um die Begrenztheit und Endlichkeit von Ressourcen führte seit archaischen Zeiten zu einer eisernen Disziplinierung und einer Perfektionierung des ressourcenökonomischen Denkens. Vorratsbildung, Rationierung und Sparsamkeit sind Tugenden, die nicht aus einem abstrakten Ethos, sondern aus Jahrtausenden bitterer Erfahrung abgeleitet wurden, und die in Bezug auf die Güter der Vergangenheit vielleicht nicht mehr so aktuell sind, aber durch Komplexe wie Natur, Energie und Umwelt heute und in der Zukunft abgelöst werden.

Um in dem Feld einer globalen Komparatistik zu bleiben: Zielorientierung und Ressourcenökonomie sind aus den Sozialisationskontexten des Westens generierte Denk- und Verhaltensweisen, die bis dato andere Kulturkreise zu dominieren in der Lage sind, sofern sie nicht in ihren Hochburgen erodieren.