Archiv für den Monat September 2010

Konservierte Biotope, getarnt als revolutionäre Zellen

Manchmal, so scheint es, da geht es mit der Vergänglichkeit erheblich durcheinander. Der Lauf der Zeit, so glaubten wir, geht chronologisch im eigentlichen Worte vor sich, d.h. es besteht eine lineare Bewegung, die aus der Vergangenheit kommt, kurz im Moment der Gegenwart verweilt und in die Zukunft weist. Stetig, unbestechlich, im Takte des Sekundenzeigers. Und wir glauben, dass sich das Wesen und die Erscheinung der Dinge ändern und sich dem Fortschritt anpassen.

Dass dieses nicht immer so ist, haben uns sehr kluge Leute schon öfters auf die Nase gebunden. Ein H.G. Wells zum Beispiel, in dem er eine Zeitmaschine erfand, mit der man in Vergangenheit und Zukunft fahren konnte und sich wundern musste, dass der jeweils höhere Grad der Zivilisation nicht immer in der Zukunft liegt. Oder Adorno und Horxheimer, die uns ganz durchdacht darauf hinwiesen, dass jedem Fortschritt potenziell auch ein gehöriger Rückschritt innewohnen kann. Doch wir Menschen sind, was unseren Glauben an das Gute in der Welt betrifft, hartnäckige Verweigerer der schlechten Botschaft.

Mal ganz unabhängig von dem Thema: Das Projekt Stuttgart 21 ist ein in diesem Lande typisches Modernisierungsprojekt: Es ist tatsächlich eminent wichtig hinsichtlich der Modernität der hiesigen Infrastruktur, es wurde in Fachkommissionen im Beisein von Fachkritikern durch lange, allzu lange Planungsverfahren geschoben, ohne die Dimension deutlich gemacht zu haben und es stößt auf einen Protest, der unter dem einen oder anderen Aspekt verständlich, in Bezug auf das Gesamtvorhaben jedoch völlig unangebracht ist.

Es geht um einen Akt der Modernisierung von Infrastruktur, neben dem Faktor Bildung weltweit ein entscheidendes Kriterium für die Entwicklungsmöglichkeiten eines Landes. Und obwohl jahrelange, sowieso viel zu zeitraubende Verfahren existieren, in denen Einwände eingebracht werden können und politischer Widerstand organisiert werden kann, kommt final eine Form des Widerstands zum Vorschein, der sowohl aus H.G. Wells Zeitmaschine entsprungen sein könnte wie den schlimmsten dialektischen Gegenwirkungen der Aufklärung.

Mit dem Auftauchen der Bagger erscheinen graue Eminenzen aus den fundamentalpolitischen Gestaden archaischer Lebensformen und werfen sich mit ihren siechen Körpern vor den Bauzaun, sie stammeln hysterisch von einem Recht auf Widerstand und singen dazu Weisen, die aus ihrer Kindheit stammen. Sie aktivieren Gelehrte, die mit Gutachten daherkommen, die es fertig bringen, den Faschistenbunker namens Stuttgarter Hauptbahnhof, der bei bloßem Anblick schon Traumata bei einem jeden freiheitsliebenden Menschen zur Folge hat, als ein historisch wertvolles und erhaltenswertes Bauwerk zu deklarieren. Diese Stockreaktionäre, die sich unter dem Etikett der Revolte versammeln, sind ein Affront gegen jede Form der Erneuerung. Wer will es, dass Menschen, die noch die gleichen Bücher lesen wie vor vierzig Jahren, die sich noch so kleiden wie damals und die gleiche Musik hören, die die gleichen Lieder singen und die gleichen leeren Reden halten, wer will diese Form eines schalen, ritualisierten Widerstands noch als Ratgeber für die Zukunft?

Synergien aus Diversität

Die Identifikation einer globalen Kompetenzgeographie legt nahe, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Kommunikation zwischen den einzelnen Kernkompetenzen aussehen muss, damit sie zu strategisch gewünschten Ergebnissen führt. Und die Tatsache, dass in unterschiedlichen Regionen dieser Welt unterschiedliche Kompetenzen zu identifizieren sind, macht mehr als deutlich, dass eine absolute Konkurrenz untereinander zu nichts führen kann. Diese Art von Konkurrenz setzt auf Ausgrenzung lebenswichtiger Fähigkeiten und impliziert immer auch Destruktion.

Wenn davon ausgegangen werden kann, dass Produktion und Technik, Workforce, Handel und Vermittlung sowie anthropologisch universale Sozialmuster zu den Formen geographischer Kompetenz zählen, über die wir hier reden, wird deutlich, wie unsinnig die Verfolgung von Dominanzzielen in globalem Maßstab geworden ist. Wenn England, Frankreich und später Deutschland um die Vorherrschaft im 19. Jahrhundert kämpften, dann war dieses innerhalb des Produktions- und Technikblocks. Die Kolonien waren ein Übergriff dieses Blocks auf Workforce, Ressourcen oder Handelswege. Sie instrumentalisierten transatlantische oder transpazifische Kernkompetenzen und richteten diese auf die Dauer ihrer Herrschaft erfolgreich zugrunde.

Workforce, Handel oder archaisches Sozialmuster hingegen gelang es nie, den Komplex von Technik und Produktion zu unterwerfen. Daher hat sich das technokratische Denken, welches grundsätzlich das einer instrumentellen Vernunft ist, den Vorteil einer globalen Übung verschaffen können, auch wenn es grundsätzlich destruktiver Natur ist. Die Instrumentalisierung der einen oder anderen Weltkompetenz durch die andere wird immer mit sich bringen, lebenswichtige Potenziale zu zerstören.

Es ist daher längst an der Zeit, die Diversität verschiedener Kompetenzen auf dem Globus anzuerkennen und sich Gedanken darüber zu machen, wie diese potenzielle Diversität zu einer Kooperation gebracht werden kann, die tatsächlich Synergien hervorbringt. Voraussetzung dafür ist die Wahrnehmung dieses Zusammenhangs. Die Vorstellung, es handele sich lediglich um unterschiedliche Kulturkreise mit verschiedenen Götzenbildern ist so archaisch wie das Götzenbild selbst.

Um die Chance von Synergien durch Diversität kommunizieren zu können, muss die Fähigkeit entwickelt werden, sozio-kulturell-ökonomische Kernpotenziale diagnostizieren zu können und einen Eindruck davon herzustellen, wie eine Kombination unterschiedlicher Stärken in internationalen Organisationsformen zu managen sind. Dazu gehören Menschen, die wissen, wie sich die unterschiedlichen Weltkompetenzen konstituieren, welcher sozialen Semantik sie bedürfen und wo das gemeinsame Interesse an einer Kooperation zu finden ist.

Bei Widerstand Volksentscheid

Demokratie, so heißt es, ist Herrschaft auf Zeit. Das Zitat verleiht einem Staatsverständnis Ausdruck, welches auf der Delegation von Macht zur Gestaltung ausgeht. Das Volk wählt Politiker, die mit einem bestimmten Programm ihr Profil zeigen und gegen andere Mitbewerber konkurrieren. Wer das Vertrauen gewinnt, d.h. die meisten Stimmen bekommt, dem wird die Verfügungsgewalt über staatliche Institutionen gewährt, der dominiert die Legislative wie die Exekutive. Das alles in dem Bewusstsein eines genau definierten Zeitraumes, der so genannten Legislaturperiode.

Politiker und Parteien haben in der Regel das zeitlich limitierte Mandat dazu genutzt, die Politik, mit der sie für sich geworben hatten, in die Praxis umzusetzen. Demokratien bringen es mit sich, dass sich auch während einer Legislaturperiode Opposition und Widerstand regt, es gehört aber auch zu dem politischen Auftrag an die Mandatsträger, dieses auszuhalten und das zu tun, wozu das Wählervotum ermächtigt.

Selbstverständlich existieren noch andere Formen der Demokratie, aber die konstitutionell-parlamentarische funktioniert so wie beschrieben. Der plebiszitäre Gedanke, der die Demokratie wesentlich direkter und enger umschreibt, existiert eigentlich mehr in tribalistischen Demokratieformationen oder im Kontext zu revolutionären Hochzeiten, wenn der Rätegedanke reüssiert. Er lebt vom Tagesgeschäft, von der punktuellen Betroffenheit und lässt eine weiter greifende Programmatik mit einer strategischen Dimension nicht zu.

In unserem gegenwärtigen Parteiengefüge sind es immer wieder die Grünen gewesen, die für einen Ausbau der plebiszitären Interventionsmöglichkeiten in das politische Geschäft plädiert haben. Das resultiert zum einen aus der Geschichte der Partei. Viele Gründungsmitglieder der Grünen stammen aus der kommunistischen Räte- oder aus para-tribalistischen Fundamentalbewegungen. Zum anderen erklärt es sich aus dem Selbstbewusstsein einer stärker werdenden Mittelschicht, die sich in der Lage sieht, Plebiszite propagandistisch zu dominieren und zu den eigenen Gunsten zu entscheiden. Vom Grundgedanken her ist das frivol und wenig demokratisch, aber darum geht es letztendlich auch nicht.

Was allerdings zunehmend verwundert, ist die wachsende Aufweichung der Volksparteien hinsichtlich einer plebiszitären Einflussnahme. Der jüngste Schwenk der SPD, die seit einem Jahrzehnt durch ihre Teilnahme an Planungsverfahren etc. für das Projekt „Stuttgart 21“ mit in der Verantwortung war und nun auf die Idee eines Volksentscheides kommt, entspringt dem überall zu beobachtenden wachsenden Unwillen, durch fundamentalistische Reflexe der Wählerschaft bei Wahlen böse abgestraft zu werden. Zurückzuführen ist dieses Zurückweichen auf eine Art Kapitulation vor einem reaktionären Zeitgeist und der wachsenden Unfähigkeit, den massenpsychotischen Druck auszuhalten, der sich bei größeren Veränderungen gegenwärtig aufbaut.