Der Drang nach einem gesicherten Erfahrungshorizont ist allzu menschlich. Aus einer bestimmt Position heraus das Leben um sich herum beobachten zu können heißt, von einem relativ fest stehenden Punkt aus die Phänomene um sich herum beobachten, beschreiben und irgendwann auch einmal bewerten zu können. Das gibt Sicherheit und macht den Fluss um das Individuum herum ein bisschen übersichtlicher und vertrauter.
Eine andere Perspektive drängt sich auf, wenn das beschriebene Streben nach sicherer Beobachtung dazu führt, dass die eigene Position festgeschrieben wird und sich ein regelrechter Widerwille gegen die eigene Veränderung herausbildet. Dann geht es nicht mehr nur um gesicherte Erkenntnisse, dann geht es auch um Macht und Einfluss. Auch dagegen wäre nichts zu sagen, wenn der Wunsch allein, gepaart mit einem kognitiven Beharrungsvermögen nicht schon das Erbgut zum Desaster in sich trüge.
Beharrung auf der eigenen Position oder Rolle ist nämlich für alle die, die ihr Wirken in größeren Zusammenhängen suchen, eine Festschreibung auf einen Zustand, oder, anders herum formuliert, die Ausblendung anderer Existenzen. Die auf Ewigkeit konzipierten Beharrer mauern sich ein in einen Subjektivismus, der nur noch die eigene Rolle reflektiert und dem sich zunehmend nicht mehr die Lebenswelt der anderen erschließt. Das Ergebnis ist die Entfremdung von der Wirklichkeit und eine Affinität zum Sektierertum.
Die Erkenntnis ist nicht neu, aber es mehren sich die Zeichen, dass besonders im politischen Leben Subjektivismus und Entfremdung die Ursache für eine zunehmend von der Mehrheit nicht mehr verstandene Welt erlebt wird. Wir bewegen uns dem Paradoxon zu, dass eine Minderheit, die alles zu verstehen meint, sich dramatisch isoliert von einer Mehrheit, die nichts mehr zu verstehen glaubt außer der Tatsache, dass sie der Minderheit nicht mehr traut.
Krisen demokratischer Herrschaft indes gab es schon zahlreiche, und deren profunde Beobachter hatten nicht selten Ideen, die durchaus konstruktiv und nützlich waren. Man denke an die vielfältigen Vorschläge eines Berthold Brecht, der den Intellektuellen riet, sich als Handwerker zu betätigen oder der von Richtern verlangte, sie sollten ihr eigenes Urteil vollstrecken. Heute könnte man, in Anlehnung an diesen Gedankengang, einem Gesundheitspolitiker raten, inkognito als Kassenpatient in einer Arztpraxis vorstellig zu werden, als Handwerksmeister eine Steuererklärung dem Finanzamt zu unterbreiten oder seine Kinder in eine Schule zu schicken, in der kaum noch Deutsch gesprochen wird, dafür aber die Dealer auf dem Schulhof aktiv sind. Ob es hülfe, die Lebenswelt der anderen zu begreifen, sei dahin gestellt, aber es trüge in großem Maße dazu bei, den Grad der Entfremdung, der entstanden ist, in seiner gewaltigen Dimension auszumessen.

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