Archiv für den Monat September 2010

Subjektivismus und Entfremdung

Der Drang nach einem gesicherten Erfahrungshorizont ist allzu menschlich. Aus einer bestimmt Position heraus das Leben um sich herum beobachten zu können heißt, von einem relativ fest stehenden Punkt aus die Phänomene um sich herum beobachten, beschreiben und irgendwann auch einmal bewerten zu können. Das gibt Sicherheit und macht den Fluss um das Individuum herum ein bisschen übersichtlicher und vertrauter.

Eine andere Perspektive drängt sich auf, wenn das beschriebene Streben nach sicherer Beobachtung dazu führt, dass die eigene Position festgeschrieben wird und sich ein regelrechter Widerwille gegen die eigene Veränderung herausbildet. Dann geht es nicht mehr nur um gesicherte Erkenntnisse, dann geht es auch um Macht und Einfluss. Auch dagegen wäre nichts zu sagen, wenn der Wunsch allein, gepaart mit einem kognitiven Beharrungsvermögen nicht schon das Erbgut zum Desaster in sich trüge.

Beharrung auf der eigenen Position oder Rolle ist nämlich für alle die, die ihr Wirken in größeren Zusammenhängen suchen, eine Festschreibung auf einen Zustand, oder, anders herum formuliert, die Ausblendung anderer Existenzen. Die auf Ewigkeit konzipierten Beharrer mauern sich ein in einen Subjektivismus, der nur noch die eigene Rolle reflektiert und dem sich zunehmend nicht mehr die Lebenswelt der anderen erschließt. Das Ergebnis ist die Entfremdung von der Wirklichkeit und eine Affinität zum Sektierertum.

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber es mehren sich die Zeichen, dass besonders im politischen Leben Subjektivismus und Entfremdung die Ursache für eine zunehmend von der Mehrheit nicht mehr verstandene Welt erlebt wird. Wir bewegen uns dem Paradoxon zu, dass eine Minderheit, die alles zu verstehen meint, sich dramatisch isoliert von einer Mehrheit, die nichts mehr zu verstehen glaubt außer der Tatsache, dass sie der Minderheit nicht mehr traut.

Krisen demokratischer Herrschaft indes gab es schon zahlreiche, und deren profunde Beobachter hatten nicht selten Ideen, die durchaus konstruktiv und nützlich waren. Man denke an die vielfältigen Vorschläge eines Berthold Brecht, der den Intellektuellen riet, sich als Handwerker zu betätigen oder der von Richtern verlangte, sie sollten ihr eigenes Urteil vollstrecken. Heute könnte man, in Anlehnung an diesen Gedankengang, einem Gesundheitspolitiker raten, inkognito als Kassenpatient in einer Arztpraxis vorstellig zu werden, als Handwerksmeister eine Steuererklärung dem Finanzamt zu unterbreiten oder seine Kinder in eine Schule zu schicken, in der kaum noch Deutsch gesprochen wird, dafür aber die Dealer auf dem Schulhof aktiv sind. Ob es hülfe, die Lebenswelt der anderen zu begreifen, sei dahin gestellt, aber es trüge in großem Maße dazu bei, den Grad der Entfremdung, der entstanden ist, in seiner gewaltigen Dimension auszumessen.

Zeitgemäß und jenseits der Moden

B. B. King. The Jungle

Nun ist er 85 geworden und die Schlange derer, die mit ihm spielen wollen, reißt nicht ab. In der ewigen Liste der 100 besten Gitarristen steht er auf Rang drei, die Zahl der Alben, die er veröffentlicht hat, lässt sich kaum noch nennen, mit seiner Band weilte er in 96 Ländern. Der übergewichtige Blues Boy B.B. King ist eine Legende zu Lebzeiten, und selbst seine heute noch erscheinenden Aufnahmen haben es in sich. Die Bewertung B.B. Kings ist jedoch fad, wenn man sie daran bemisst, ob sich ein Van Morrison oder Eric Clapton mit ihm im Studio einfinden. Dagegen ist es immer wieder hilfreich, sich frühere Alben anzuhören.

The Jungle ist so eines. Es erschien erstmals 1967, als es Mode war, mit verstärkten Gitarren den Sound zu dominieren und es richtig krachen zu lassen. B.B. King wehrte sich nicht gegen die neuen Einflüsse, blieb aber seinen Arrangements treu und schuf einen Blues, der heute noch Esprit hat, im Gegensatz zu den Chartstürmern der damaligen Zeit. Mit seinem Bläsersatz, den er über Jahrzehnte nie entließ, ging er auch 1967 ins Studio und produzierte eines seiner besten Platten überhaupt.

The Jungle ist eine Kollektion von All Time Blues Hits. Sie dokumentieren, dass B.B. King zu dieser Zeit voll im Saft stand. Neben dem Titelsong sind es 5 Long Years, Eyesight To The Blind, The Worst Thing In My Life, Ain´t Nobody´s Business, Blues Stay Away, Got ´Em Bad und It´s A Mean World, die bis heute immer wieder als Vorlage für viele Interpreten gelten und nichts an Brisanz verloren haben. Grandios arrangiert und von dem phänomenalen Bläsersatz unterstützt, sind diese Stücke ein Manifest des Rhythm & Blues, weil B.B. King mit und in ihnen seinen Gitarrenstil zur Geltung kommen lässt, den man heute in Bruchteilen von Sekunden heraushört.

King bevorzugt die klaren Töne und er arbeitet wie kein anderer mit den Pausen, sie gehören dazu wie die Blue Notes, die jeder hört, weil sie kontrapunktisch zu den Pausen stehen. In Nobody´s Business kommt die ganze Kraft und Unabhängigkeit zum Vorschein, die diesen Mann bis heute ausgezeichnet hat. Das Understatement und die immer präsente Freundlichkeit können nicht verbergen, welche Macht hinter dieser Performance steht und welche Dynamik sie verbreitet. Blues Stay Away from Me ist eine andere Variante, die sich auf die unvergessene Herkunft aus dem Mississippi-Delta bezieht und das einfache Schema zu einer Lebenserzählung macht, die jeder zu verstehen in der Lage ist.

The Jungle ist neben der akustischen Qualität, die bis heute viele analoge Aufnahmen so unschätzbar macht, ein Dokument der Emanzipation der Bluesmusiker aus dem Ghetto, ohne dass damit die Assimilation verstanden worden wäre. Es ist der gelebte Blues, von der Plantage in Itta Bona, Mississippi, wo B.B. King aufwuchs, bis in die Metropolen Chicago und New York. Ehrliche, grundehrliche Musik, ohne Manierismen, ohne Wenn und Aber!

Existenzielle Ambiguitäten

Die Diversität unserer Welt und ihrer unterschiedlichen geographischen Kompetenzzentren stellt dem Menschen von heute, der davon aus geht, dass er global denken und handeln will, vor ein nicht unbeträchtliches Problem. Zum einen befindet sich jeder Vertreter in seinem eigenen Kulturkreis, der gekennzeichnet ist durch die eigene Kernkompetenz. Andererseits ist es für den eigenen Kompetenzkreis charakteristisch, in Bezug auf die anderen Globalkompetenzen mit Defiziten behaftet zu sein, die im eigenen geographischen Feld kaum ausgeglichen werden können.

Die sich aufdrängende Frage ist essenziell: Kann es gelingen, die verschiedenen Kompetenzen von Technik & Produktion, Workforce sowie Handel und Vermittlung in einem identischen geographischen Areal so zu arrangieren, dass von den in den geographisch unterschiedlichen Kompetenzkreisen vorhandenen Qualitäten keine verloren geht? Oder ist eher davon auszugehen, dass ein solcher Versuch nur wenig Chancen auf Erfolg hat und es eher darum geht, wie übrigens momentan mehrheitlich der Fall, in einer Art internationaler globaler Arbeitsteilung die Kompetenzen miteinander zu vereinen? Letzteres ist ein Resultat aus der kontinentalen Verschiedenheit und Eigenständigkeit, ersteres wäre der Versuch, die Welt zu homogenisieren, alles überall zu ermöglichen und sich an das Ende der sozialhistorischen Anthropologie zu stellen.

Unabhängig von dieser Frage, ob international durch optimierte Infrastruktur vernetzt oder geographisch und gleichzeitig überall zu allem befähigt zu sein, die Akteure in einem globalen Wertschöpfungsprozess müssen nicht nur über mindestens eine der beschriebenen Kompetenzen exzellent verfügen, sondern sie müssen zudem wissen, um welche anderen Kompetenzen es sich handelt, welche Verhaltensmuster und Lebenstechniken daraus resultieren und wie das alles erworben wird. Wissen sie es nicht, so haben Pannen wie im Irak oder Afghanistan Bestand und setzen sich in Konflikten in Pakistan, Mexiko und Bolivien fort, ohne dass es eine Aussicht gäbe, den Teufelskreis der eigenen Interpretationsmuster verlassen zu können.

Im Kleinen wird die beschriebene Erkenntnis immer mal wieder und partiell schon seit vielen Jahren im internationalen Projektmanagement verwendet. Nach der Beschreibung der Anforderungsprofile an die Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Projektteams geht man daran, Kandidaten zu suchen, die die basalen Fähigkeiten in Bezug auf Bildung und Technik mitbringen, um dann in einer zweiten Betrachtung die Harmonie- und Synergiefähigkeiten der jeweiligen Kulturkreise, die sich in dem Projekt versammeln, zu überprüfen.

Und plötzlich erscheint die Komposition unterschiedlicher Kompetenzen aus verschiedenen Kulturkreisen keine leere, mit Appellen behaftete Abstraktion mehr zu sein, sondern ein operationalisierbares Unterfangen. Die Anwendungsgebiete dehnen sich aus und wachsen schneller, als die Kompetenz, die unterschiedlichen Charaktere zur Kooperation zu bringen.