Im Javanischen existiert eine Redewendung, die die Situationen der politischen Instabilität sehr metaphorisch beschreibt. „Die Hunde sind grimmig“, heißt es da, „und die Schweine“ sind dreist.“ Weiß ein Javaner sofort, was gemeint ist, so muss man die Situation für das zentraleuropäische Publikum etwas aufschlüsseln. Hat man dieses getan, so lässt sich der Eindruck nicht mehr vertreiben, eine sehr treffende Metapher für Phasen des politischen Übergangs und des Wandels gefunden zu haben.
Die javanische wie die indonesische Geschichte insgesamt ist reich an Epochen des Übergangs, allesamt gewalt- und mythenbesetzt. Das Phänomenale bei der Beobachtung dessen, wie dort die jeweilige Situation kommuniziert wird, ist der Bilderreichtum der Sprache und das kollektive Verständnis der Bilder. Wenn Metaphern benutzt werden und sie faszinieren, dann übernimmt das Schattenspiel deren Einübung durch die große Masse, in jedem Dorf taucht die Metapher beim Wayang Kulit, dem traditionellen Schattenspiel, auf und mausert sich so in kurzer Zeit zu einem festen Bestandteil der Kollektivsymbolik. Das faszinierende dabei ist, man erlaube den Vergleich zu analogen Prozessen kollektiv-symbolischer Prozesse hier, dass durch die gemeinsame Rezeption und Diskussion der Metapher jeder, der sie benutzt, auch versteht. Ein unschätzbarer Vorteil!
Bei dem zitierten Satz wird eine Situation beschrieben, in der die bestehende Verteilung der Macht in Frage gestellt wird. Während auf der einen Seite diejenigen stehen, die etwas zu verlieren haben, ist noch nicht entschieden, wer zu den Gewinnern gehört. Bei den grimmigen Hunden handelt es sich um die Machthaber, die ihre Dominanz gefährdet sehen. Sie fletschen die Zähne und sind voller Grimm, d.h. sie sind dazu bereit, ihre Macht auch gewaltsam zu verteidigen.
Obwohl nicht als geklärt gilt, wer letztendlich in dieser Transferperiode die Oberhand gewinnt, tauchen sehr aggressiv auftretende Profiteure der Situation auf den Plan. Das sind die dreisten Schweine, die mit Chuzpe und Biss ihren Nutzen aus der Unordnung ziehen wollen. Das kann die eigene Bereicherung sein, das kann das Streben nach Einfluss sein und letztendlich sogar die Okkupation der Macht. Das dreiste Auftreten der Schweine schüchtert viele Beteiligte ein und viele gut Meinende weichen vor ihrem Auftreten zurück.
Im Javanischen dient eine bewusst herbei geführte Unordnung dazu, eine neue, harmonische Ordnung wieder herzustellen. In der dortigen Wertigkeit stehen die Hunde als Vertreter der Macht längst nicht so in Misskredit wie die Parvenüs der Unordnung. Die Dreistigkeit des Schweins ist für einen Javaner unerträglich.
Masyarakat, das Volk, ist bei dieser javanischen Betrachtung übrigens kein unbeteiligter Zuschauer. Es verbirgt sich hinter weiteren Charaktermasken, die bewusst und willentlich die Ordnung der Disharmonie ins Wanken gebracht haben, um eine neue, verträgliche Ordnung zu etablieren. Nichts ist ihnen verhasster wie die bei uns of bezeichneten Kriegsgewinnler, die aus der konkreten Situation der Unordnung ihren privaten Nutzen ziehen, ohne das große Ganze im Auge zu haben. Wie deutlich, schön und klar kann doch eine wohl kommunizierte Kollektivsymbolik sein!
