Nicht umsonst werden die Rufe nach einer Revision des Leistungsgedankens lauter. Die politischen Debatten der letzten Jahrzehnte drehen sich zunehmend um die Frage, wer Leistung erbringt und wie sie zu definieren ist. Hitzig sind sie, die Debatten, weil einiges aus den Fugen geraten ist. Zum einen haben sich Lager etabliert, die längst einem konservativen Leistungsbegriff nicht mehr entsprechen und fürchten, ihre Refugien würden zerstört, wenn eine Diskussion über transparente Kriterien geführt würde. Verstört hingegen sind auch die, welche von sich behaupten, nach einem klassischen Leistungsbegriff zu agieren und dennoch nicht die gewünschte Resonanz zu bekommen. Verwirrend ist das alles, zumal nicht so richtig deutlich wird, was eigentlich gespielt wird.
Tatsache scheint zu sein, dass das Bild von Leistung, wonach unter Anstrengung, Disziplin und Vermögen Ergebnisse erzielt werden, kaum noch unangezweifelt Geltung besitzt und gewürdigt wird. Deutlich wie kaum woanders wird der Verfall dieser Vorstellung an der Börse, wo Bewertung und Zuwachsraten das Resultat eines solchen Vorgehens nicht mehr zu würdigen scheinen. Vermögenswerte, Firmenphilosophien, Infrastruktur, menschliche Fertigkeiten und bedarfsorientierte Märkte sind längst keine Garantie mehr für das lukrative Geschäft an der Börse.
Vielmehr regieren dort Gesetze, die die schnelle Gelegenheit, die sich aus spekulativen Kombinationen ergibt, weit mehr honorieren als messbare Werte. Die großen Spekulationsbranchen- und blasen, die in den letzten zwei Jahrzehnten zu beobachten waren, sind keine zufälligen Ereignisse mehr, die als Abweichung von Grundregeln des Kapitalismus zu sehen sind. Nein, es scheint, als habe sich das Wert schöpfende Leistungsparadigma überlebt und als sei an seine Stelle das ungezügelte, alles riskierende Spekulieren auf die eine Chance hin getreten.
Es ist kein Zufall, dass der Paradigmenwechsel an den Weltbörsen eskortiert wird von einer pädagogischen Inszenierung auf allen Fernsehkanälen, wo das neue Paradigma für das Volk eingeübt wird. Von Big Brother bis zu den unzähligen Casting Shows wird Tag für Tag demonstriert, dass der dreiste Auftritt und die Chuzpe ein Mittel geworden ist, um Lebensläufe erfolgreich zu gestalten. No Names mit mittelmäßiger Begabung und geringer Bildung entpuppen sich als rücksichtslose Raubtiere, um ihre jeweiligen Konkurrenten auszustechen und werden, je bestialischer sie Vorgehen, als Prototypen für eine neue Entwicklung gewürdigt.
Hätte man eine böse Zunge, so könnte man behaupten, die Akteure aus den Casting Shows seien die pädagogischen Folien für die Erfolgreichen in Wirtschaft und letztendlich der Politik. Denn die Gelegenheitsökonomie in wirtschaftlichen und politischen Kontexten funktionierte vor ihrer Inszenierung in den Medien. Der klassische Leistungsgedanke, der auf Wertschöpfung durch Können basiert, ist längst abgelöst durch den der Nutzung von Gelegenheiten. Das Maß dieser Art von Leistung liegt in erster Linie einem aggressiven Impetus, der alles andere ausblendet.
