Lost In Desolation?

Es gibt Zustände, denen eine Dimension anhaftet, die in der eigenen Landessprache kaum zum Ausdruck gebracht werden kann. Das Englische desolation, das man direkt mit Trostlosigkeit oder Verwüstung übersetzen kann, sagt noch mehr aus. Es bedeutet auch eine Ohnmacht, die aus einer tiefen Orientierungslosigkeit und Sinnentleerung entstehen kann. Die gegenwärtige politische Situation in Deutschland bringt vieles mit sich, das treffend mit dem Begriff desolation überschrieben werden kann.

Wir sind Zeugen eigenartiger Entwicklungen, die mit formaler Logik nicht mehr erklärt werden können. Eine Regierung, die ihre Mehrheit bekam, weil sie Entlastung und Entbürokratisierung versprach, ist mit ihrer Bildung quasi an der eigenen Unzulänglichkeit implodiert und an ihr gehen die leidenschaftlich geführten Diskussionen über notwendige Politik nahezu spurlos vorbei. Die Opposition ihrerseits gewinnt stetig an Zuspruch, ist in sich jedoch heterogen und widersprüchlich, was wiederum logisch ist, und dokumentiert Trends, die mit dem eigenen Willen wenig zu tun haben.

Die GRÜNEN gehören zu den großen Gewinnern, obwohl gerade sie es sind, die zunehmend die Politik einer in rasendem Tempo verwahrlosenden neuen Elite vertreten und mit Reglementierungswahn und dem Totschläger der political correctness eine Atmosphäre im Land geschaffen haben, die als Meinungsdiktatur empfunden wird und eine neue, außerparlamentarische Opposition generiert. Bei der Linken, auch vom Dilettantismus und dem Vakuum der Regierung profitierend, formieren sich nach wie vor die staatsorientierten Dogmatiker, die einem Zentralismus huldigen, der von der Mehrheit abgelehnt wird.

Einzig der Sozialdemokratie gelingt es nicht, sich positiv zu profilieren und sich in eine neue Kontur zu bringen. So martialisch sich der neue Vorsitzende und seine Generalsekretärin auch geben, sie kommen über ein Schwanken zwischen Opportunismus wie der absurden Koketterie mit Volksentscheiden und parteilicher Zuchtrute wie im Fall Sarazin nicht hinaus. Eine Strategie, die der Partei einen Weg weist, der über die Existenz des aussterbenden Proletariats hinauswiese, ist nicht in Sicht. Die Prognose, dass die Partei im Lager der Opposition zwischen Grünen, der Linken und vielleicht einer eher konservativen Bürgerbewegung aufgerieben wird, gewinnt dramatisch an Wahrscheinlichkeit.

Das, was trostlos erscheint, kann sich jedoch als ein gesellschaftliches Gemisch entpuppen, das einen gewaltigen Trend gebiert, der weit von den momentan noch wahrscheinlichen Spekulationen liegen wird. So, wie der etatistische Dirigismus der Kanzlerin zunehmend demontiert wird, genauso viele Indizien sprechen dafür, dass sich eine Revolte gegen die neuen Formen des Dogmatismus formieren wird, der sich durch die zunehmend hysterisierten Akteure mehr uns mehr aus den Sympathien verabschiedet.

Die Zeichen stehen eigentlich nicht schlecht für eine Neufindung der Gesellschaft, in deren Zentrum das sich selbst reflektierende bürgerliche Subjekt steht. Das ist keine trostlose Situation, auch wenn es noch dauern kann. Lediglich die Phalanx derer, die meinen, sie könnten den Bürgern verbieten, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen, wird sich mit der Perspektive des lost in desolation vertraut machen müssen.

Ein Gedanke zu „Lost In Desolation?

  1. Avatar von NatiNati

    Die Grünen kamen aus einem ungeheuren Meinungsdespotismus und immer diesem verächtlichen Gusto, dass alle bedauernswert seien, die die schöne neue Welt nicht wollen, also nicht wirklich neu.
    Totschlägerargumente sind neuderdings, alle irgendwo abzuholen-
    schön, immer so an die Hand genommen zu werden, damit auch jeder weiss, wo es langzugehen hat, und dass man nicht verstehe – prima also alles noch einmal in email-Kürzeln ausspucken oder einfach smileys malen – back to the roots, Komma, Komma,Strich, fertig ist ?? Wann wird man je verstehn – oder auch Stell Dir vor es ist Wahl und keiner geht hin, ist ja für die Tante SPD fast schon weit. Ach ja, noch mehr Phänomene Eintagsfliege namens „Das große sich Empören“ als fastfood-Veranstaltung, 1-Tages-Parteitag als großes get-together und
    sind wir nicht alle ein bisschen event ?

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