Konservierte Biotope, getarnt als revolutionäre Zellen

Manchmal, so scheint es, da geht es mit der Vergänglichkeit erheblich durcheinander. Der Lauf der Zeit, so glaubten wir, geht chronologisch im eigentlichen Worte vor sich, d.h. es besteht eine lineare Bewegung, die aus der Vergangenheit kommt, kurz im Moment der Gegenwart verweilt und in die Zukunft weist. Stetig, unbestechlich, im Takte des Sekundenzeigers. Und wir glauben, dass sich das Wesen und die Erscheinung der Dinge ändern und sich dem Fortschritt anpassen.

Dass dieses nicht immer so ist, haben uns sehr kluge Leute schon öfters auf die Nase gebunden. Ein H.G. Wells zum Beispiel, in dem er eine Zeitmaschine erfand, mit der man in Vergangenheit und Zukunft fahren konnte und sich wundern musste, dass der jeweils höhere Grad der Zivilisation nicht immer in der Zukunft liegt. Oder Adorno und Horxheimer, die uns ganz durchdacht darauf hinwiesen, dass jedem Fortschritt potenziell auch ein gehöriger Rückschritt innewohnen kann. Doch wir Menschen sind, was unseren Glauben an das Gute in der Welt betrifft, hartnäckige Verweigerer der schlechten Botschaft.

Mal ganz unabhängig von dem Thema: Das Projekt Stuttgart 21 ist ein in diesem Lande typisches Modernisierungsprojekt: Es ist tatsächlich eminent wichtig hinsichtlich der Modernität der hiesigen Infrastruktur, es wurde in Fachkommissionen im Beisein von Fachkritikern durch lange, allzu lange Planungsverfahren geschoben, ohne die Dimension deutlich gemacht zu haben und es stößt auf einen Protest, der unter dem einen oder anderen Aspekt verständlich, in Bezug auf das Gesamtvorhaben jedoch völlig unangebracht ist.

Es geht um einen Akt der Modernisierung von Infrastruktur, neben dem Faktor Bildung weltweit ein entscheidendes Kriterium für die Entwicklungsmöglichkeiten eines Landes. Und obwohl jahrelange, sowieso viel zu zeitraubende Verfahren existieren, in denen Einwände eingebracht werden können und politischer Widerstand organisiert werden kann, kommt final eine Form des Widerstands zum Vorschein, der sowohl aus H.G. Wells Zeitmaschine entsprungen sein könnte wie den schlimmsten dialektischen Gegenwirkungen der Aufklärung.

Mit dem Auftauchen der Bagger erscheinen graue Eminenzen aus den fundamentalpolitischen Gestaden archaischer Lebensformen und werfen sich mit ihren siechen Körpern vor den Bauzaun, sie stammeln hysterisch von einem Recht auf Widerstand und singen dazu Weisen, die aus ihrer Kindheit stammen. Sie aktivieren Gelehrte, die mit Gutachten daherkommen, die es fertig bringen, den Faschistenbunker namens Stuttgarter Hauptbahnhof, der bei bloßem Anblick schon Traumata bei einem jeden freiheitsliebenden Menschen zur Folge hat, als ein historisch wertvolles und erhaltenswertes Bauwerk zu deklarieren. Diese Stockreaktionäre, die sich unter dem Etikett der Revolte versammeln, sind ein Affront gegen jede Form der Erneuerung. Wer will es, dass Menschen, die noch die gleichen Bücher lesen wie vor vierzig Jahren, die sich noch so kleiden wie damals und die gleiche Musik hören, die die gleichen Lieder singen und die gleichen leeren Reden halten, wer will diese Form eines schalen, ritualisierten Widerstands noch als Ratgeber für die Zukunft?