Der große Vorteil, an den wir alle glauben, entspringt der Gewissheit, dass nur wir es wären, die lang andauernde Mangelperioden überleben würden. Grundlage dieser Idee ist unsere tatsächlich vorhandene Kompetenz der Ressourcenökonomie und der Fähigkeit, sich unter strategischen Gesichtspunkten einzuschränken. Das basiert auf einer durchaus realen Selbsteinschätzung. Die Täuschung ergibt sich erst aus dem zweiten Aspekt: Wir nehmen an, dass es so etwas wie ein weltweites Belohnungssystem für diese Tugenden gibt. Das hieße, wer sich diszipliniert, seine Ressourcen einteilt und an die Zukunft denkt, der hat im globalen Lauf die Nase vorn, während die Mundräuber der Weltwirtschaft irgendwann aufgrund ihres unverantwortlichen und irrationalen Handelns scheitern müssten.
Wenn jedoch ein Trugschluss im Abendland existiert, dann ist es dieser. Seit dem frühen Imperialismus und der Etablierung von Kolonialreichen hat sich der Westen für die neuere Periode der Geschichte die Erde untertan gemacht und sie anhand seiner Maßstäbe gemessen und gewogen. Der Reichtum dieser Welt, auch wenn er in entfernten Regionen liegt, wird bewertet und weltweit wiederum in den Umwandlungsprozess der Produktion und des Handels eingebracht.
Die politische Herrschaft über natürlichen Reichtum oder Ressourcen wird nicht abgeleitet von der Qualität einer Regierungsführung oder dem Maß an politischer Legitimation. Zu oft hat uns die Geschichte gezeigt, dass gerade dort der natürliche Reichtum überwiegt, wo sich die Despoten auszuhalten pflegen. Das ist kein Zeichen göttlicher Fügung, sondern eher ein Indiz für den Zwang zur Rationalität aus der Kargheit und dem Mangel heraus und den Hang zu Libertinage und Irrationalität aus dem Überfluss.
Die moralisch tief empfundenen Ungleichheiten auf dieser Welt entspringen einem als ungerecht empfundenen System, das den schlecht Bedachten das Instrumentarium der Wissenschaften und des elaborierten Denkens zur Verfügung stellt, während die im Überfluss Stehenden sich jede Torheit leisten können, ohne vom Schicksal dafür bestraft zu werden.
Die emotionale Spaltung der Welt beruht auf diesem Prinzip und es wurde vor allem getrieben von den protestantischen Rationalisten des Westens, die den satten Süden und Osten dieses Planeten als Garten der Lüste und der Sünde diffamierten, weil dort nicht die protestantische Leistungsethik, sondern die Natur an sich für großen Wohlstand gesorgt hatte.
Die große Kompetenz derer, die von der Natur in diesem Sinne gesegnet waren, bestand nicht in einer produktiven Rationalität, sondern in einer distributiven Genialität. Die versierten Händler und Kaufleute, die nicht jede Unze registrierten, sondern die soziale Beziehung mit in den Handel einrechneten, bezogen diese Kompetenz aus dem natürlichen Überfluss und dem Wissen, einer notwendigen Zirkulation von Reichtum. So wurden Produktion und Handel zu zwei Domänen, die um die Weltherrschaft rangen.
