Eine Hommage, die bewegt

Wynton Marsalis, Richard Galliano. From Billie Holiday to Edith Piaf

Wenn zwei Großmeister vom Schlage Wynton Marsalis´ und Richard Gallianos zum Tanz bitten, dann müsste schon etwas Unvorhergesehenes geschehen, um sich nicht in einer rauschenden Ballnacht wieder zu finden. Beide haben im Jazz alles erreicht, was dieses Genre einem Musiker bieten kann. Umso spannender ist es, den aus Cannes stammenden französischen Akkordeonisten Galliano zusammen mit dem aus New Orleans kommenden Trompeter Marsalis zusammen zu hören, wie sie zwei großen Sängerinnen ihrer Länder ihre Hommage erweisen. Auf einem Livekonzert in Macriac gaben sie sich die Ehre und spielten Lieder von Edith Piaf und Billie Holiday. Übrigens ein Unterfangen, das durchaus nicht ungefährlich ist, weil die Einzigartigkeit beider Sängerinnen in der Musikgeschichte dokumentiert ist und eine bloßer Kopieversuch fürchterlich enden kann.

Abwechselnd, sich mal ein Stück von Piaf und dann wieder eines von Holiday vornehmend, machen sich die beiden zusammen mit einer exzellenten Band daran, um Thema wie Seele der Stücke herum zu improvisieren und die Tiefe zu interpretieren. Beginnend mit La Foule, in dem Galliano mit seinem Akkordeon den Text des französischen Blues spricht, fortgesetzt mit Them Their Eyes, in dem Marsalis das Tempo des amerikanischen Jazz vorgibt, wird sehr schnell deutlich, was die Zuhörerschaft zu erwarten hat. Mit Padam, Padam geht es weiter, wobei die beiden dort erfolgreich versuchen, zwischen der französischen Melancholie und dem amerikanischen Blues eine Symbiose herzustellen. In What A Little Moonlieght Can Do macht Marsalis wiederum deutlich, dass er nicht gewillt ist, das Brüchige der Billie Holiday kopieren zu wollen, sondern er fliegt wie ein Jäger der Lüfte durch die Akkordfolgen und zeigt, wie flüchtig die Zeiten des Ruhmes sind und wie fragmentarisch die Erinnerungen an das wird, was einst als bedeutend galt.

Bei dem Titel Bilie wiederum gelingt es den beiden, das Modale Billie Holidays in die französische Sphäre zu ziehen und man bekommt eine Idee davon, warum Marsalis und Galliano ausgerechnet diese beiden Sängerinnen mit ihren Werken zu diesem Experiment ausgesucht haben. Es geht ihnen darum, das Verbindende dieser beiden so erfolgreichen, aber brutal gescheiterten Frauen zu vermitteln. Bei L´Homme A La Moto merkt man, dass die Maschinen heute schneller geworden sind, aber das von Piaf angedeutete technokratische Zerrbild der Männerwelt durchaus geblieben ist.

Und schließlich, bei Stange Fruit, dem Stück, das die ganze Leidensgeschichte der afroamerikanischen Bevölkerung von der Sklaverei bis in die Neuzeit in eine Weise bringt, die unter die Haut geht, und das als die wohl bis in alle Zeiten bleibende von Billie Holidays Interpretationen zu gelten hat, zeigt Wynton Marsalis, warum er der amerikanische Jazzer ist, der seit Jahren versucht, den Jazz im amerikanischen Kulturerbe festzuschreiben. Kongenial gelingt es Marsalis und Galliano, eine Inszenierung von Strange Fruit zustande zu bringen, die nicht nur an die rassistischen Pogrome im Mississippidelta, sondern auch an die Konzentrationslager in Europa erinnert. Was als ein netter Liederabend zu beginnen schien, endet als ein großartiges Stück Weltmusik.