Jenseits der Biologie existieren in einer jeden Gesellschaft Muster, die historisch geprägt sind und zur Identifikation beitragen. Bei aller Diversität der modernen Massendemokratie sind diese relativ eindeutig zu bestimmen und zu definieren. Mag ihre Deutung auch im Bereich eines heftigen Diskurses liegen, so sind die Fixpunkte in der Regel nicht Gegenstand der Auseinandersetzung.
In Deutschland könnte man historische Daten wie die so genannte Völkerschlacht bei Leipzig 1815, die Frankfurter Paulskirche 1848, den deutsch-französischen Krieg 1870/71, die beiden Weltkriege, den Mauerbau 1963 sowie die Wiedervereinigung 1990 nehmen. Das Problem historischer Ereignisse ist jenseits der tatsächlichen Zäsursetzung jedoch, dass sie von heftigen Disputen umgeben sind. Daher ist es, auch im Kontext weiterer Betrachtungen, nicht ratsam, der historischen Zeitleiste zu folgen.
Bei der Identitätssuche bieten sich andere Felder an, die die Gesellschaft radikal in ihrer Entwicklung beeinflusst haben und folglich nicht gleich einer großen Deutungsauseinandersetzung ausgeliefert sind. So könnte man sich sehr gut vorstellen, das jüngere Deutschland durch Überschriften wie Industrialisierung, Verwissenschaftlichung, Militarisierung, Traumatisierung und Sensibilisierung zu umschreiben. Die so bezeichneten Phasen bilden Ablagerungen in unserem jeweiligen Bewusstsein, zwar aufgrund der Generationenzugehörigkeit unterschiedlich nuanciert, aber überall vorhanden.
Die gesellschaftlichen Entwicklungsphasen haben mit der Industrialisierung die Tür zur Moderne aufgestoßen, mit der Industrialisierung kam eiserne Disziplin, Massenerziehung und Warenreichtum. Die Verwissenschaftlichung etablerte das methodische, reflexive und lösungsorientierte Denken. Mit der Militarisierung wurde die Industrialisierung pervertiert, die Effizienzmaschine vollzog die Irrationalität des Mordens und schuf die Vorbedingungen für eine kollektive Traumatisierung, die durch den kollektiven Schuldkomplex als Folge des Nationalsozialismus in eine mehrere Generationen erfassende Dimension gehoben wurde. Die Befriedung des Aggressors führte letztendlich zu einer starken Sensibilisierung, die zu einer Weltherrschaft in der Deutung der negativen Seite einer Errungenschaft heranwuchs.
Sollte man den gegenwärtigen Zustand Deutschlands in Bezug auf die hier benannten groben Phasen beschreiben, so sind wir wohl auf dem Weg in eine Art Postsensibilisierung, d.h. wir beginnen zu reflektieren, wie der von uns praktizierte systemische Skeptizismus, wie historisch er auch begründet sein mag und wie sehr er uns auch genützt hat, wie eben dieser Skeptizismus uns alle Kräfte zu rauben beginnt, die für die Entwicklung zukunftsfähiger Strategien erforderlich sind.
Trotz einer degressiven Bilanz über das letzte Jahrhundert können wir bei der Rekapitulierung der Frage, woher wir kommen, eine Reihe von Attributen anführen, die zu strategischem Optimismus berechtigen.
