Ein letzter Höhepunkt vor dem Tod

Chet Baker. The Legacy

Ein Mann, der einen solchen Lebenswandel führt, wird nicht alt. Angesichts seines exzessiven Drogenkonsums, seines ständigen Tourens, das so intensiv war, dass er manchmal selbst nicht mehr wusste, wo er sich befand, angesichts seiner Autounfälle aufgrund von Drogen und Übernächtigung, seiner Aufenthalte in Ausnüchterungszellen und seinem furchtbaren Umfeld grenzt es an ein Wunder, dass Chet Baker 53 Jahre alt wurde. Selbst sein Tod war legendär, er lag vor seinem Hotel in Amsterdam, wo er sich in den letzten Monaten aufhielt. Die Theorien gingen vom Sturz aus dem Hotelfenster im Rausch bis zu einer Gewalttat durch rücksichtslose Dealer. Sein Tod lieferte sogar Stoff für Romane.

Chet Baker, der bereits seit Jahren ein physisches Wrack war, machte sich wenige Monate vor seinem Tod auf ins Hamburger Audimax, um am 14. November 1987 zusammen mit der NDR Big Band ein Konzert zu geben, das in die Geschichte eingehen sollte. Nicht nur, weil es sein letztes in Deutschland war, sondern weil es diesen begnadeten und virtuosen Trompeter in einer Form zeigte, die einer Genialität entsprang, die vielleicht nur durch die Vorahnung des eigenen Endes zu erklären ist.

Dabei hatte Chet Baker Stücke ausgesucht, die zu den Klassikern des Jazz zählten und vor allem das Balladenhafte und Bluesige unterstrichen. Here´s That Rainy Day, How Deep Is The Ocean, Mister B, In Your Own Sweet Way, All Of You, Dolphin Dance, Look for The Silver Lining, Django und All Blues; das erste Set, welches unter dem Titel Legacy später erschien. Live, mit einer NDR Big Band, die den Anschein erweckte, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, als mit diesem Ausnahmetrompeter schon immer gespielt zu haben und ein Chet Baker, der mal modal, mal mit flinken Figuren und dann wieder mit einem samtigen Ton etwas hervorzaubert, das das Attribut des Einmaligen ohne Übertreibung verdient. Hatte er bei den ersten Stücken das Sanfte in den Fordergrund gestellt, so brilliert er vor allem bei Look For The Silver Lining mit raschen Tempiwechseln und einer Geschicklichkeit, die noch einmal an die frühen Jahre erinnert, als er beim Covern von Miles Davis Milesstones diesen herausgefordert hatte. Bei dem John Lewis Stück Django zitiert Chet Baker die ganze Trauer, die das Dasein mitzubringen vermag, um dann mit einer geschickten Rhythmisierung an die Dynamik zu erinnern, die die Suche nach dem Ausweg mit sich bringt. Und All Blues, der Hymne auf den Blues per se, interpretiert er auf eine Weise, die den Herzmuskel zusammenzieht.

Beim Hören dieser CD wird man den Eindruck nicht los, dass der Trompeter Chet Baker hier sein Testament in Form eines Live-Auftritts geschrieben hat. Es ist ein Konzert mit der Dimension dokumentierter Jazz-Geschichte. Wer beim Anhören dieser Aufnahme nicht spürt, was dort geschieht, der sollte sich ein anderes Genre suchen. Wer diese Aufnahme nicht hat, um sie als ein Refugium für das eigene Seelenleben zu nutzen, dem entgeht nicht nur ein musikalisches Großereignis erster Güte.