Nein, es ist nicht zum Spaßen! Die Überlegung, dass alle möglichen Daten irgendwo gespeichert werden ist ein beunruhigendes Gefühl. Historisch ist die Skepsis gegenüber einem Staat, der so etwas macht, seit langem gesetzt. Die peinliche Buchführung über das Volk ist so suspekt wie die individuelle Freiheitsliebe alt. Nun, da wir seit mehr als einer Dekade in immer größeren Kohorten im weltweiten Netz operieren und mit der Gewissheit, dass dieses zumeist in Foren geschieht, die in privater Hand sind, hat das alles noch eine ganz andere Dimension angenommen. Die fortschreitende Partizipation an den Netzoperationen geschieht hingegen freiwillig und ist durch eine Kritik a posteriori nicht aus der Welt zu schaffen. Immer mehr Menschen geben sich und ihre Daten ohne äußeren Zwang frei, teils aus Informationsbedürfnis, teils als Preis dafür und teils aus einem versteckten oder offenen Exhibitionismus.
Die Firma Google, mit ihren Expansionsraten eine der erfolgreichsten der Welt, bietet seit einigen Jahren mit ihrem Service Streetview einen Dienst an, der auch hierzulande häufig und gerne in Anspruch genommen wird. So ist es vielen ein Hobby, kurz vor dem Urlaub die Straße, in der man in New York wohnen, in London sich treffen oder in Rom etwas besichtigen will, sich die Gegend einmal genauer anzuschauen. Nicht selten hört man Geschichten, wie groß die Freude ist, jemandes Auto oder eine Person selbst mit Streetview identifiziert zu haben.
Seitdem die Kamerawagen von Streetview nun auch in Deutschland herumfahren, um das gleiche Angebote für Interessenten aus anderen Ländern und Kontinenten zu machen, ist die Empörung groß. Es kann doch nicht sein, so heißt es, dass meine Wohnung oder mein Haus für alle Welt sichtbar ausgestellt wird, ohne dass man gefragt hat oder ich es will. Die Überlegung ist natürlich berechtigt und ist nur deshalb ein wenig suspekt, weil sie ansonsten ganz nett in das eigene Informationsportfolio passte.
Auffallend ist, dass Google, ein durch und durch amerikanisches und damit protestantisches Produkt, doch etwas irritiert war durch die Reaktionen vor allem in Europa. Sieht man genauer hin, dann gibt es keine oder kaum kritische Reaktionen aus Skandinavien, den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien, während vor allem in Deutschland, Frankreich und sogar in dem ansonsten für seine Nonchalance bekannten Italien böse Proteste formuliert wurden. Das Protestantische, welches von seinem Ethos her vor allem von der Maxime lebt, nichts zu verbergen zu haben und transparent zu sein, spiegelt sich in den Aktivitäten von Google genauso wieder wie in den Ländern, in denen das protestantische Weltbild das Leben dominiert.
In den Ländern, in denen der Katholizismus ein gewichtiges Wort hat, sind hingegen große Vorbehalte zu finden, die sich auf einen doppelmoralischen Kodex zurückführen lassen: Die große Neugierde in Bezug auf das Leben der anderen und die hohen Mauern, um sein eigenes Ich zu schützen.
