Der unbestrittene Mythos unserer Zeit ist der der Beschleunigung. In keinem Metier wird er angezweifelt und überall werden Evidenzen zitiert, um ihn zu untermauern. Bei Betrachtung unserer Alltagsroutinen spricht auch vieles dafür. Zweifelsohne bekommen wir Informationen über Ereignisse sehr viel schneller zur Kenntnis, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Ständig ticken irgendwo die News-Spucker zu allen möglichen Themen. Jeder elektronische Brief meldet seine Ankunft, rund um die Uhr. Kalender werden ferngesteuert aktualisiert. Auch die Distanz spielt keine Rolle mehr, ein hier erforderliches ärztliches Zweitgutachten kann wegen der Zeitverschiebung durchaus im indischen Bangalore erstellt werden und liegt bereits am nächsten Morgen vor. Immer und überall sind wir Zeugen von Beschleunigung.
Angesichts eines ungetrübten Gefühls, das viele Zeitgenossen beschleicht, stellt sich allerdings die berechtigte Frage, inwieweit wir uns wirklich schneller bewegen. Irgendwie kommen nämlich immer mehr Menschen zu dem Schluss, dass man zwar gehetzter wirkt, aber die wichtigen Sachen heutzutage schlechter und langsamer funktionieren als in früheren Zeiten.
Ein guter Indikator für die Beantwortung der Frage, ob sich unsere Lebensverhältnisse beschleunigt haben, sind basale Geschäftsprozesse. Wie lange dauert es, um ein Brot oder eine Zeitung zu kaufen, wie lange braucht ein Paket von A nach B, wie lange dauert es, um den Telefonanbieter zu wechseln, wie lange braucht man, um für sein Kind einen Krippenplatz zu finden, wie lange braucht das Finanzamt für einen Steuerbescheid oder worauf muss sich ein Wirt einrichten, um einen Gastronomiebetrieb genehmigt zu bekommen? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Leser schon bei der Auflistung einiger profaner Fragen zu dem Ergebnis gekommen, sind, das zu befürchten war: Unser eigener Alltag ist vehement beschleunigt, aber das Leben hat dadurch nicht an Fahrt gewonnen. Die einzelnen Prozesse sind komplexer geworden, aber ob sie deshalb besser sind, ist zu bezweifeln.
Neben der anwachsenden Komplexität ist ein anderes Phänomen zu beobachten. Es handelt sich dabei um den Mythos des Konsenses. Entscheidungen werden, im Gegensatz zu den Prozessen, langsamer, weil versucht wird, den kleinsten gemeinsamen Nenner für alles zu finden, auch wenn das nicht geht. Der Mangel an Selbstverantwortung führt zu einem nominell kollektiv verantworteten Amalgam ohne signifikante Identität. Die Grundlage für eine qualitative Lebensveränderung ist jedoch die Entscheidung.
So erleben wir unser eigenes Leben als zunehmend hektischer, weil wir ständig begleitet werden vom Flackern der Signallampen und Summen der Kommunikationsmembranen. Und dann erleben wir, das wir für unser eigenes Dasein immer weniger Zeit zur Verfügung haben, obwohl das meiste, was uns selbst betrifft, in keiner Weise schneller vonstatten geht, als uns unsere Umwelt suggeriert.
