Dem US-Amerikaner Paul Theroux verdanken wir zahlreiche Bücher von unschätzbarem Wert. Das besondere an ihnen ist ihr Charakter. Es handelt sich nämlich um Reiseberichte als Passagier der großen und berühmten Bahnlinien dieser Welt. Paul Theroux scheint überall gewesen zu sein, er reiste von Berlin über Moskau bis Shanghai (Riding the Iron Rooster), von Kairo bis Kapstadt (Dark Star Safari), Im Great Railway Bazar sogar von London über den Balkan bis nach Südostasien, im Old Patagonian Express von den USA bis nach Argentinien und entlang der legendären Moskito-Küste (The Mosquito Coast). Er brauchte dafür Jahrzehnte und setzte dafür etwas ein, das wir als ein kaum noch erschwingliches Privileg zu schätzen gelernt haben, nämlich Zeit.
Das Bestechende an Theroux´ Reiseberichten ist die Fähigkeit des Beobachters, aufgrund profaner Beobachtungen Rückschlüsse auf die kulturellen Riten, die soziologischen Implikationen, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und das allgemeine Sittenleben zu ziehen. Mit geübtem, unbestechlichem Auge beobachtete Theroux auf allen Reisen, wie die Völker, durch deren Areale er in Zügen fuhr, wie diese Völker disponiert sind und welche Zukunftserwartungen ihnen zu attestieren waren. Das ist der Fundus aus den vorliegenden Reiseberichten, die niemand ignorieren sollte, der sich für das Zusammenleben anderer Völker interessiert.
Kürzlich nun, bei einer meiner Reisen mit der Deutschen Bahn, bei der ausnahmsweise einmal nichts schief ging, sondern alles korrekt und fahrplanmäßig, kam mir gerade wegen der Normalität dennoch der Gedanke in den Sinn, was Paul Theroux mit seinem geübten Blick wohl auffiele, wenn er mit der Deutschen Bahn von Hamburg nach München führe.
Wenn er ein feines Gehör hätte, so würde er als erstes mit vor allen ostdeutschen Akzenten des Bordpersonals konfrontiert, das sich vor allem in der Artikulation der englischsprachigen Ansagen ein Alleinstellungsmerkmal erworben hat. Zudem käme ihm wahrscheinlich die Frequenz der Ansagen in den Sinn, die er als sehr hoch empfinden müsste. Außerdem fragte er sich sicherlich, warum die Züge in unserem Land immer so voll sind, dass ein Drittel der Reisenden immer zu stehen haben, obwohl sie ordnungsgemäß ihr Ticket bezahlt haben. Er sähe in ego-fokussierte Gesichter, die in der Regel wenig Lebensfreude ausstrahlten und sicherlich fiel ihm auf, dass das Handphone eine Multifunktion in unserem Kulturkeis wahrnimmt. Es dient der lauthalsen Protzerei, als Schutz gegen die Vereinsamung in vollen Zügen und als Empfängermedium für die Monologe toter Seelen. Ihm fiele bestimmt noch vieles andere auf, aber allein diese wenigen Punkte würde Fragen in ihm auslösen.
So drängte sich das Rätsel auf, was schief gelaufen sei in einer Gesellschaft, in der die Gelegenheit einer Zufallskommunikation oder Reisebekanntschaft, auf der seit Jahrtausenden die wunderbarsten Sozialkontakte entstanden sind, nahezu krampfhaft verhindert würden, in denen ein Transportunternehmen alles täte, um seine Attraktivität zu senken und den Gedanken an weiteres Reisen zu einem Trauma machte. Paul Theroux würde den Kopf schütteln, denn so etwas ist ihm von Kairo bis Kapstadt, von London nach Bangkok und von New York nach Buenos Aires noch nicht unter gekommen.

so ist es. aber es ist unsere deutsche bahn 😉