Die Kondratjew-Zyklen und die Globalisierung

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew veröffentlichte in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Aufsätze, in denen er eine Theorie der langen Wellen entwickelte. Kondratjew ging es darum, den unterschiedlichen Konjunktur- und Technologiephasen des Kapitalismus seit seiner frühen Entstehung eine Überschrift zu geben, die das Wesen einer industriellen Ära am Besten beschrieb. Obwohl er zeitgenössisch selbst nur zweieinhalb jener Wellen beschreiben konnte, beriefen sich zahlreiche Ökonomen auf sein Modell und entwickelten es weiter. Kondratjew selbst wurde 1938 während der stalinistischen Säuberungen nach bereits acht verbüßten Jahren Zwangsarbeit erschossen.

Die langen Wellen der kapitalistischen Entwicklung begannen mit der Frühmechanisierung und der ersten Industrialisierung in Deutschland und wurden als Dampfmaschinen-Kondratjew (1780-1849) benannt. Die zweite Welle erfasst demnach die eigentliche (zweite) industrielle Revolution und gilt als Eisenbahn-Kondratjew (1840-1890). Fortgesetzt wird die Betrachtungsweise mit dem Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (1890-1940), sowie dem Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (1940-1990) und als 5. Welle dem Informations- und Kommunikations-Kondratjew (seit 1990). Die grundlegende Theorie ist bis heute umstritten, die Bezeichnung der Wellen, die Kondratjew beschreiben wollte, nicht.

Unabhängig davon, ob man mit einem wissenschaftlichen Instrumentarium logische Konsistenz und Kohärenz einer Theorie stiften kann, hilfreich scheint der Gedanke zu sein, dass bestimmte Basisinnovationen dazu führen, den gesamten ökonomischen Prozess grundlegend zu prägen und eine Ära zu stiften, in der die materielle Neuheit bis in die Kollektivsymbolik reicht. Denken wir an die gegenwärtige lange Welle der Information- und Kommunikation, so reichen die unser aller Leben durchdringenden Metaphern von Sender-Empfänger-Modellen bis hin zu Schnittstellen und Kommunikationsarchitektur. Insofern birgt die Theorie noch viele Felder, die bestellt werden könnten, weil sie durchaus die Prognose des Erkenntniszuwachses erlauben.

Und obwohl die Kondratjew-Theorie nur als Marginalie in den heutigen Lehrbüchern der Ökonomie zu finden ist, ist der Diskurs um eine Definition des bevorstehenden 6. Kondratjew längst entbrannt. Und, unumstritten sind die Innovationsfelder Biotechnologie, Nanotechnologie, Kernfusionsenergie, die Technologie regenerativer Energien sowie psychosoziale Gesundheit und Kompetenz. Ihnen wird das Potenzial attestiert, im Sinne der kondratjewschen langen Wellen die gesamte volkswirtschaftliche Entwicklung grundlegend zu bestimmen.

So hilfreich das Modell ist, und es könnte durchaus einmal von den politischen Mandatsträgern wahrgenommen werden, es erfährt eine Komplizierung durch die teilweise asynchrone Entwicklung der Weltökonomie. Da kann dann schon einmal der dritte auf den fünften Kondratjew treffen und ins synergetische Nirwana führen. Dennoch: Wem an Orientierung in einer an Komplexitätssuperlativen reichen Zeit liegt, dem kann das Modell hilfreich sein.