Sinus – Migrantenmilieus

Nicht selten erscheint große Komplexität als Brei. Zu viele Aspekte machen es unmöglich, Konturen zu erkennen und jedes Praxisbeispiel kann mit einem anderen widerlegt werden. So tobt oft jahrelang ein Diskurs, dessen Ende niemand absehen kann und dessen Verlauf für fast alle Beteiligten unbefriedigend ist. Das Thema Migration und Integration ist nahezu ein Paradebeispiel für den beschriebenen Zustand. Ursache dafür sind verschiedene Faktoren: Das Faktum der Einwanderung als Massenphänomen wurde über Dekaden geleugnet, der neuen Qualität des Phänomens wollte man beikommen mit antiquierten Rezepten aus dem 19. Jahrhundert, das nationale Selbstbild war unscharf, das Selbstbewusstsein leidet unter einem Trauma und eine Vorstellung über ein Zusammenleben wurde nicht entwickelt. Unabhängig von der eigenen Fehl- und Minderleistung wuchs das Phänomen qualitativ wie quantitativ.

Erst mit Entwicklung zumindest sozialwissenschaftlich fundierter und valider Untersuchungen wurde es möglich, die ins immense gewachsene Komplexität zu reduzieren und die einzelnen Bezugsfelder genauer zu definieren. So stützt sich das jetzt vorliegende Jahresgutachten „Einwanderungsgesellschaft 2010“ auf die Sinus-Migrantenmilieus, die in ihrer Differenzierung weiterhelfen.

So sind die verschiedenen soziologisch definierten Migrantengruppen wie folgt erfasst: das religiös verwurzelte Milieu, das traditionelle Arbeitermilieu und das entwurzelte Milieu, die zusammen fast genau ein Drittel der Migranten ausmachen, liegen im Integrationsindex niedrig und machen das eigentliche Problempotenzial aus, welches in starkem Maße auf mangelnde Bildung, mangelnde Sprachkenntnisse und eine an unterschiedlich vorhandenen und ausgebildeten Erziehungswerten festgemacht werden kann. Das hedonistisch-subkulturelle Milieu mit 15 Prozent bildet eine Ausnahme, da es sehr stark an einer Neudefinition der eigenen Rolle arbeitet, aber dennoch einen sozialen Aufstieg nicht bewerkstelligt. Das statusorientierte und das adaptiv bürgerliche Milieu liegen mit ca. 28 Prozent im Mittelfeld des Integrationsindexes und dem intellektuell-kosmopolitischen wie dem multikulturellen Performermilieu mit 24 Prozent gelingen eine grundlegende Modernisierung wie der soziale Aufstieg.

Unabhängig von der irritierenden Terminologie, derer sich die Sozialwissenschaften zunehmend bedienen, indem sie kultur-affine Begriffe unreflektiert in die Soziologie überführen, kann festgestellt werden, dass der Erfolg von Integration von zwei Faktoren abhängt: Von Bildung, die Qualifikation und eine kritische Selbstreflexion beinhaltet und von der Möglichkeit sozialen Aufstiegs.

Es wird deutlich, dass die Frage der Integration die gleichen Themenfelder beinhaltet wie in den identisch kritischen deutschen Milieus. Auch bei unserer indigenen wie autochthonen Bevölkerung sind die Bildungsdefizite wie die daraus resultierenden Hemmnisse des sozialen Aufstiegs Ursache für die gesellschaftliche Ausgrenzung. Wenn das nicht ein Grund ist, zu fraternisieren!