Halbwertzeiten biographischer Linien

Die Tage, an denen die Lebensplanung in großen Linien mit einer sicheren Prognose hinsichtlich ihrer Erfüllung stattfinden konnte, scheinen endgültig gezählt zu sein. Die Sicherheit, mit der eine soziale Zugehörigkeit und ein Bildungsumfeld darüber bestimmten, was aus einem Menschen wird, ist mit den Halbwertzeiten von Bestand, der aus Besitz und Wissen resultiert, dahin. Ein Mensch geht nicht mehr zur Schule, wählt einen Beruf, gründet eine Familie, bleibt in dem Beruf und mehrt seinen Besitz. Die Permanenz des Wandels ist zu einer gesellschaftlichen Realität geworden. Vor allem das Wirtschaftsleben erlebt während einer Generation Wellen, die das Bestehende nicht selten zerstört und Neues entstehen lässt, das sich nicht unbedingt aus dem Alten ableiten lässt. Berufliches Wissen ist aufgrund des Tempos technischer Innovation schon in wenigen Jahren veraltet, Wirtschaft und Beruf dominieren existenziell alles, was in einer biographischen Planung von Bedeutung ist. Das Individuum von heute kann keine Sicherheiten mehr produzieren, die ein Leben lang halten. Was bleibt, ist eine Illusion, die mit einer Regelmäßigkeit zerstört wird, dass es nicht nur das Herz, sondern auch die immer instabiler werdenden sozialen Bindungen bricht.

Die Klage über diesen Zustand hilft nicht weiter. Die Phänomene schaffen harte Realitäten. Vereinzelung, Dominanz der Singlehaushalte in den großen Städten, Entstehung, Veränderung und Aussterben von Berufsbildern, Verödung einst florierender Regionen, Boomtowns, die in kurzer Zeit die Nähe der Sonne erreichen, um ebenso schnell wieder am Boden zu zerschellen. Das alles findet sich in täglichen Nachrichten wie in Jahresstatistiken. Die Ungewissheit, mit der sich Zukunft präsentiert, löst zumeist Ängste aus, die sich aus einem zerrütteten Selbstbewusstsein speist, individuell wie kollektiv. Der politische Reflex ist nicht selten suggestiv, er spekuliert auf die Sehnsucht nach Sicherheit und zahlt dafür den Preis noch größerer Unsicherheit.

Dennoch, genau wie die Linie der Volatilität zu beobachten ist, ebenso haben sich Prototypen des Überlebens längst entwickelt. Wir kennen bereits Biographien, die längst nicht mehr die Ausnahme sind, in denen der Wechsel von einer Existenz zur nächsten ein fester Bestandteil geworden ist. Da sind Individuen, die aufgrund einer stabilen Sozialisation und einer umfassenden Bildung in der Lage waren, auf wirtschaftliche Krisen, technische Revolutionen und neue Lebensweisen zu reagieren. Ihnen gemein ist, dass sie Krisen nicht ausschließlich negativ deuten und ihnen archaisch begegnen, sondern dass sie ihre Potenziale analysieren und praktischen Schlüsse daraus zu ziehen in der Lage sind.

Das Grundmuster, mit dem die biographischen Unsicherheiten behandelt werden, ist die Anklage gegen einen Wandel, den niemand verhindern kann oder will. Logisch wäre die Frage, was den Menschen mit gegeben werden muss, damit sie mit dieser existenziellen Realität erfolgreich umzugehen lernen. Werte, Selbstachtung, Überlebenswille und eine Qualifikation, die sich aus der Meisterung wechselnder Herausforderungen speist, wären Voraussetzung für ein erfolgreiches Dasein in einer sich schnell ändernden Welt. Statt Unsummen in soziale Sedativa zu stecken, sollten wir in ein derartiges Bildungsideal investieren.