Etymologie und politische Sozialisation eines Wortes

Der Fall ereignet sich immer wieder. Wörter haben ihre Geschichte, wie man so schön sagt. Zum einen haben sie einen unbestechlichen, aus ihrer Genese entsprungenen Gehalt, was die Sprachwissenschaft die ursprüngliche Bedeutung nennt, die aus ihrer Herkunft, d.h. Etymologie resultiert. Zum anderen geraten sie in eine politische Diskussion, werden stylt oder entstellt und stehen plötzlich in einem Kontext, der mit der eigentlichen Bedeutung nicht mehr viel zu tun hat. Die Folge ist ein großes Kommunikationsproblem, weil in der Regel zwei Lager den Begriff unterschiedlich gebrauchen, das eine im engen sprachlichen Areal, das andere im politischen Kontext. Nicht selten kommt es dabei zu Verwerfungen, die allerdings zu nichts führen. Das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache zollte diesem Phänomen vor einigen Jahren Tribut, indem es ein Buch mit dem Titel „Brisante Wörter“ herausbrachte, dessen Lektüre hier unbedingt empfohlen wird.

Einer jener Begriffe mit einer dualen Dimension ist der Stolz. Ob Substantiv oder Adjektiv, die Etymologie verweist auf eine negative Konnotation. Im Deutschen wie im Niederländischen geht seine Bedeutung zurück auf überheblich, hochfahrend, töricht, übermütig, prächtig, staatlich und ritterlich. Von der Sprachwurzel geht Stolz sogar auf die Stelze zurück, d.h. wer stolz ist, erhöht sich künstlich durch ein Hilfsmittel. Auch die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts weist dem Stolz seinen Platz zu, seien es Kontexte wie Stolz und Vorurteil oder Sentenzen wie in Hermann Hesses Gedicht „Ich bin ein Stern“, in dem die folgenschweren Zeilen vorkommen: „Vom Stolz erzogen, vom Stolz betrogen, ich bin ein König ohne Land.“

Besonders mit Aufkommen des Nationalsozialismus erfuhr der Begriff eine neue Bewertung, die Überhöhung, die dem Begriff innewohnt, passte in das Herrenbewusstsein und so wurde „stolz“ eine positive Eigenschaft. Dieser, von einer bestimmten Politik geprägte Kontext, führte zu einer Rückordnung in die semantischen Negativkategorien nach dem Sieg über den Faschismus. Aber auch die Geschichte von Wörtern ist nicht Ironie. Der Gebrauch des neonazistischem Slogans „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, der zunächst von einer großen Mehrheit entrüstet zurück gewiesen wurde, führte zu einer emotionalen, aber etymologisch verfälschenden Zweitrezeption. Allmählich setzte sich gesellschaftlich die Auffassung durch, man lasse sich positive Begriffe nicht durch die Nazis madig machen und prompt tauchte der Begriff in demokratisch tadellosen Milieus in einem positiven Zusammenhang auf. Die ursprüngliche, arrogante, sich selbst überhöhende und respektlose Attitüde gegenüber anderen war nicht mehr zu identifizieren. Und zuweilen ging es sogar soweit, dass die Skeptiker der politisch motivierten Begriffswandlung auch im demokratischen Lager ausgegrenzt zu werden drohten.

Die Geschichte eines Wortes ist nicht determinierbar. Der Kontext, in dem es gebraucht wird, wechselt, und der semantische Wandel ist das Wesen einer lebenden Sprache. Es empfiehlt sich jedoch, bei einer Emotionalisierung die kalten Umschläge der Etymologie aufzulegen. Das beruhigt, und nimmt die Hitze aus der Diskussion.