Gefährliches Muster

Es gibt die großen Metropolen. Sie heißen New York, Paris, London, Shanghai oder Rio de Janeiro. Es sind die größten, impulsivsten und vor allen Dingen die härtesten Städte der Welt. Diejenigen, die sich in Metropolen wie diesen behaupten, gehören zu einer globalen Überlebenselite. Sie sind die urbanen Energieträger dieser Welt, es ist keine tote Infrastruktur oder traumhafte Lage, sondern die Menschen, die unmögliche Leistungen erbringen und in diesen Kaderschmieden der Moderne eine Vitalität erzeugen, von der man in anderen Regionen dieser Welt nur träumt. Das eine, die über hohen Anforderungen an das Überleben, sind von der Attraktivität und der Exklusivität nicht zu trennen, sie bedingen einander.

Und dann gibt es unzählige andere Großstädte, die von ihrer Geschichte wie den tatsächlichen Potenzialen im Mittelmaß liegen. Auch sie haben Interessantes vorzuweisen, die eine oder andere kulturelle Einzigartigkeit, eine imposante industriegeschichtliche Periode oder einen legendären Sportverein. Die Bürgerschaft dieser Städte ist oft arbeitsam und liebenswert, die Lebensbedingungen sind oft wesentlich erträglicher als in den Weltmetropolen, und gerade deshalb sind sie als Lebensziel nicht selten auch begehrt.

Eine Gefahr jedoch, in denen sich die manchmal so genannten second cities befinden, ist die von den treibenden Kräften der Gesellschaft empfundene Sehnsucht nach Einzigartigkeit und Ruhm. Deshalb lechzt sie geradezu danach, in einem Atemzug mit Rom, Madrid oder Paris genannt zu werden. Man will mitspielen mit den Überlebenseliten, obwohl man seine eigenen Energien aus den Refugien des gesetzten Mittelstandes speist. Gelingen wird das nie, weil es eine enge, vitale Verbindung gibt zwischen dem mittelständischen Tabu und dem existenziellen Gesetz der Stärke. Sprich, in den Metropolen ist die Wahrheit meistens nackt, während sie sich in den anderen Städten schamerfüllt hinter dem Paravent zu verstecken sucht.

Dennoch setzen die second cities immer wieder zum Sprung an und wollen teilnehmen am Wettbewerb der Großen. Kaum eine der second cities ist von diesen Versuchen verschont. Meistens enden diese Versuche mit einem finanziellen Desaster und einem relativ dürftigen Ergebnis. Tausende von kulturellen Veranstaltungen, von Museumsbauten, von Sportevents oder anderen Großveranstaltungen füllen die Journale und belegen das ungleiche, aussichtslose Spiel. Zudem hat sich eine regelrechte Industrie von Agenturen herausgebildet, die sich trefflich ernährt aus dem Wunsch der meisten Großstädte, zu einer tatsächlichen Metropole zu werden.

Während die lokalen Promotoren des inszenierten Größenwahns in der Regel für die Unerfüllbarkeit des Wunsches geköpft werden, ziehen die Agenturen, klug wie sie sind, wie ein Wanderzirkus weiter. Was bleibt, ist ein großer Katzenjammer, und was sich abspielt, ist dann Provinztheater: Keiner will es gewesen sein, und die vordem enthusiasmierte Masse weist alle Beteiligung von sich.