Der Groove, der eine Marke ist

Prince. 20TEN

Viele haben schon nicht mehr daran geglaubt. Doch wie ein Blitz aus einem überladenen Sommerhimmel schlug er wieder ein. Prince Rogers Nelson, nunmehr 52, der Mann, den alle nur unter dem Namen Prince kennen, dessen er zwischendurch so überdrüssig war, dass er auch den wieder ablegte, der Mann, den man am Pop und R&B-Himmel sah, von dem aber der alternde Miles Davis sagte, der sei einer der wenigen, mit denen er noch über Musik reden könne, dieser Prince ist wieder da. Nach fast einem Jahrzehnt außerhalb oder mit bescheidener Öffentlichkeit, in dem er sein Domizil in Minneapolis verlassen und zwischen Los Angeles und London gependelt war, nach dieser Zeit erscheint seine Majestät des R&B auf der Berliner Waldbühne und stellt sein neues Album, 20TEN, vor. Diejenigen, die zugegen waren, konnten den Groove, der durch ihre Gedärme drang nicht in Worte fassen und stammelten nichts sagende Begeisterung aus sich heraus. Und das Album, das verschenkte Prince ganz nach dem Motto „Sekt für die Bauern, der Fürst ist in Laune“ als kostenlose Beilage des Magazins Rolling Stone und pfiff gleichzeitig noch auf die Zunft der Plattenfirmen, die ihm schon immer ein Dorn im Auge waren.

20TEN ist kein Album, das den Orkus des Bahnbrechenden beinhalten würde. Es zeigt jedoch einen Prince, der seine Coolness bewahrt und seine Varianz verbreitert hat. Mit Titeln wie Compassion, Future Soul Song, Sticky Like Glue und Lavaux wird die Bedeutung des R&B, Soul und Funk quasi schon aus der Vertextung deutlich und das Keyboard-Staccato bei Compassion ruft die Südstaatengenres in den Dienst. Bei dem Stück Everybody Loves Me hingegen schlägt ein durch Gitarrenriffs getragener Rock´n Roll-Stomp durch und elektrisiert mit Vehemenz. In einem unbetitelten Bonusstück kommt eine Version des R&B zum Tragen, wie sie in der Zukunft geformt sein könnte.

Auch mit seinen Texten liefert Prince eine Dimension, die lange Zeit leider niemand verbalisiert hatte. Es spricht der alte Rebell, wenn es heißt Life back home depresses me/ Just another form of Slavery. Mit dieser Notation zitiert der Rebell die literarische Tradition eines Thomas Wolfe mit You can´t go home again, einer Erkenntnis, die aus der Siedlergesellschaft mit einer demokratischen Grundströmung erwachsen ist. Und in Act OF God ist der offen politische Prince präsent, der seine Gedanken zu Irakkrieg und Weltwirtschaftskrise schweifen lässt.

Wenn ein Album musikalisch großartig gemacht ist, wenn es durch Bein und Mark geht, wenn die Texte ein seltenes Niveau haben, wenn es Nuancen anklingen lässt, die in der Zukunft Wirkung haben könnten und wenn es zudem noch frei Haus geliefert wird, wie sollte man es dann wohl bewerten? Es wie ein kühler Wind in einer drückenden Hochsommernacht, der erfrischt und dennoch die Gewissheit am Leben hält, dass es bald wieder höllisch heiß wird.