Wenn es eines Beispiels bedurfte, um die Abwendung des Hamburger Ersten Bürgermeisters von seinem Amte zu illustrieren, so waren es wenige Stunden später die Kommentare von triumphierenden Eltern, die die Schulreform durch das Plebiszit verhindert hatten. Als hätte George Grosz, dessen überzeichnete Skizzierungen der Berliner Parvenüs der 20iger Jahre unvergessen sind, als hätte jener George Grosz noch einmal die ewigen Jagdgründe verlassen, um die Nachfahren der hanseatischen Pfeffersäcke zu karikieren. Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben, denn die Kontaminierung „unserer“ Gymnasien sei verhindert worden. Da war dann selbst dem skeptischen Beobachter klar, warum sich ein Ole von Beust, der für die Reform geworben hatte, vor Scham und Ekel in das Private entflohen war.
Weder das Muster noch die Qualität der Argumentation spielen hierzulande eine Rolle, wenn es um eine Reform des Bildungswesens geht. Die mehr als eine Dekade erhobenen Daten zur Bewertung der Ergebnisse unseres Bildungssystems ebenso wenig. Was nahezu alle Länder dieser Welt schaffen, nämlich die Homogenität der lernenden Kohorten bis zum 14., 15. oder 16. Lebensjahr, ist wieder einmal durch einen deutschen Sonderweg traditionell aufgehoben. Es mutet an wie eine feudalistische Zwangsveranstaltung, die auf dem Blutrecht beruht, dass Kinder im Alter von zehn Jahren separiert und in unterschiedliche lernende Erfahrungswelten gepresst werden, ohne dass eine erwähnenswerte Permissivität zwischen den unterschiedlichen Schultypen noch gewährleistet wäre. So bleiben die Unterschichten wie die Oberschichten unter sich, obwohl die Bezahlung der Gymnasien freilich von allen zu tragen ist. Wir wissen, und das revidiert auch kein so genannter Volksentscheid, dass die frühe Separierung das Stigma der sozialen Herkunft verstärkt und die Chance auf eine spätere Bildungsentwicklung minimiert.
Für den Nachwuchs unserer selbst ernannten neuen Eliten, die für ihre Kinder auch keine Ganztagsschulen wollen, weil das die Transportwege vom Reit- zum Fechtunterricht stören würde, die alle einen iPod in der Tasche tragen und deren Eltern sich nicht zu schade sind, Staranwälte zur Verteidigung der Lehrmittelfreiheit zu engagieren, für diesen Nachwuchs gilt es die gut bezahlten Jobs der Zukunft zu sichern. In diesem Kampf verwandeln sich die liebenden Eltern zu keifenden Hyänen, die schon mal in der Lage sind, mit Korruptionsversuchen die Teilnahme ihres Nachwuchses in Begabtenprogrammen sichern zu wollen.
Hamburg ist kein Einzelfall, sondern seit dem Sonntag ein Symbol für eine moralisch mehr und mehr deteriorierende Elite, die sich im Zentrum der Gesellschaft wähnt, aber bereits ins weite Abseits manövriert hat. Kontaminiert vom Virus des Eigensinns und der Selbstsucht, ist sie für eine gesellschaftlich getragene Perspektive nahezu nutzlos geworden. Die Chancen im Alten Rom für Migranten, Karriere zu machen und Ruhm zu ernten, waren weitaus größer als in Deutschland im 21. Jahrhundert. Die Elite war nicht dekadenter als sie es heute ist, aber weitaus kosmopolitischer.
