Die große Unordnung

Wer die Verhältnisse ändern will, der muss als erstes große Unordnung schaffen. Das Einmaleins einer jeden Revolution setzt bestimmte Abläufe voraus, die mit der Zerstörung des Alten beginnen, mit provisorischen Existenzformen fortgesetzt werden und der Konsolidierung einer neuen Ordnung enden, die, auch dabei sollte man sich keiner Illusion hingeben, ihrerseits die Angriffsfläche für eine neue Veränderung bilden. Das wussten alle, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben und es sollten alle wissen, die sich an eine radikale Veränderung heran wagen. Der Einwand, eine Revolution berge auch etwas Destruktives ist also in hohem Maße irritierend, denn es gehört zu ihrem Sinn wie ihrer Voraussetzung. Der Destruktion muss jedoch eine gewisse Kreativität folgen, sonst ist es keine Revolution, sondern eine Form des Bildersturms und der Verwüstung.

Die Meisterschaft in Veränderungsprozessen besteht in ihrer Dramaturgie. Wie weit darf man bei der Zerstörung gehen, wie gut ist das geplante und errichtete Neue, wie reagieren die Menschen auf die in diesem Spiel überhohe Symbolik, wie weit gehen sie mit, wo sind sie überfordert und was sind sie imstande auszuhalten? Wer sich diesen Fragen nicht stellt, birgt das Gen des Scheiterns in sich. Zuweilen ist es daher ratsam, sich die historischen Journale der Architekten großer Veränderungsprozesse noch einmal anzuschauen, um ein Gespür dafür zu bekommen, wann die Richtung gewechselt werden muss, um nicht in eine verhängnisvolle Sackgasse zu geraten, wovon die Geschichtsbücher allerdings auch voll sind.

Die bereits angedeuteten Phasen der radikalen Veränderungen beginnen mit Zerstörung und der Errichtung von Provisorien, wobei in der Regel von allen Beteiligten abverlangt wird, unter einem Regime der Doppelherrschaft zu leben. Gleichzeitig funktioniert das Alte und das Neue beginnt bereits zu arbeiten. Der wichtigste Punkt in diesem Prozess ist die Fähigkeit der Orientierung. Verlieren die Beteiligten diese, geraten sie in Verwirrung und reagieren irrational. Letzteres ist lebensgefährlich, weil Verwirrung und Irrationalität den Humus bilden, den Putschisten benötigen, um an die Macht zu gelangen. Jede Form von Putschismus ist jedoch das genaue Gegenteil einer positiven Revolution, weil er eine bestimmte Nomenklatura begünstigt, den Rest der Gesellschaft aber leer ausgehen lässt.

Und selbst bei einer exzellenten Dramaturgie des kritischen Übergangs von Alt nach Neu ist es lebenswichtig, die Phase der Konsolidierung nach den Zielsetzungen der ursprünglichen Revolution zu arrangieren. Nach der Zerschlagung der alten Machtzentren bilden sich zunächst zahlreiche neue, dezentrale Pole, die in der Konsolidierungsphase liquidiert werden müssen, um die Anarchie zu vermeiden. Der Prozess der Konsolidierung geht über die Zentralisierung, Formalisierung und nachfolgende Bürokratisierung wiederum unweigerlich auf einen Punkt der Entmündigung zu. Dieses zu verhindern ist die große Kunst. Sie geht einher mit der tiefen Akzeptanz erneuter Unordnung, die das Biotop ist, aus dem sich der Prozess der Veränderung immer wieder speist.