Schon immer, bei jeder Form von Herrschaft, bedienten sich die Mächtigen derer mit einer wendigen Zunge oder akrobatischen Feder, um das große Geschäft der Politik der Welt als etwas Glanzvolles darzubieten. Kluge, eloquente Sprecher von Kaisern und Königen machten den Untertanen klar, wie großartig, weit sehend und wohltuend die Taten der Potentaten waren und das es sich lohnte, dankbar und gefügig zu sein. Nicht selten brachten es die erfolgreichen Sprecher und Schreiber großer Herren selbst zu Wohlstand und Macht, und einigen soll es sogar gelungen sein, in den Geschichtsbüchern diejenigen, denen sie eigentlich dienten, an Format zu übertreffen. Andere wiederum, und auch daran ist die erbarmungslose Chronik unseres Daseins reich, lebten regelrecht gefährlich. Denn wenn das Volk die salbungsvollen Formulierungen nicht mehr hören konnte, weil der eigene Alltag nicht mehr zu ertragen war, kam es zuweilen vor, dass dem Sprachrohr der Macht kurzerhand der Kopf abgeschlagen wurde, und manchmal noch weitaus Schlimmeres.
Mit der Demokratie kamen die gewählten und auf Zeit begrenzten Potentaten, aber auch ihre Macht erforderte das kluge Wort der Erläuterung. Die Sprecher, wie sie seitdem heißen, müssen das Volk wie ehedem davon überzeugen, wie gut die Politik der Regierung für es ist, und wie klug und gerecht alles zugeht. Es reicht nicht mehr allein, die Macht zu bemühen, das demokratische Empfinden fordert Logik und Gerechtigkeit. Auch in unserer eigenen Geschichte der Republik gab es Regierungssprecher, die es verstanden, das Interesse auf die Politik zu ziehen. Sie glänzten in der Formulierung, sie polarisierten in der Diktion und sie bestachen nicht selten durch ihre tonale Performance. Es ist kein Zufall, dass die großen Kanzler dieser Republik eigene Konturen bei ihren Sprechern ertrugen, und diese dankten es ihnen, indem sie die politischen Botschaften an jeden Stammtisch, in jede Stadtteilinitiative und in jeden Sportverein hineintrugen.
Das alles legte sich mit der Stärke der demokratischen Potentaten, die sich mehr und mehr für Diktiergeräte aus Fleisch und Blut entschieden. Austauschbare Vorleser, die mit zittriger, unsicherer Stimme repetieren, was ihnen zur Auskunft kredenzt wurde, die bewirken nichts, und die behält man nicht im Gedächtnis. Und so scheint es nur logisch zu sein, dass mit der Standardisierung der politischen Karrieren nach einem bestimmten Muster nicht nur das individuell Markige der Neuzeitmächtigen zu verschwinden droht, sondern auch die große Kunst der Inszenierung politischer Botschaften. Wer Einheitsbrei will, der bekommt auch Einheitsbrei. Wer nicht anecken will, der entscheidet sich für das Glatte und wer keine Fehler machen will, der bewegt sich wenig.
Die Definition der Macht über den Konsens und die kleine Ranküne im entscheidenden Moment hat zu einer dramaturgischen Verarmung geführt. Wer die große Inszenierung will, muss zunächst einmal eine kühne Politik machen. Wer nichts bewegt, entfacht kein Feuer. Denn auch das Wort streicht die Segel vor einem lauen Wind.
