Eine Mischung aus Melancholie und Feuer

Paco de Lucia. Fantasia Flamenca

Wer im andalusischen Algeciras, unweit von Cadiz, geboren wurde und dessen Vater bereits sein Leben dem Flamenco widmete, dem stand bereits vieles ins Sollbuch des Lebens geschrieben. Paco de Lucia, der Großmeister des zeitgenössischen Flamencos, begann mit fünf Jahren das Spiel auf der Gitarre. Er folgte der großen, kulturhistorisch unschätzbaren Tradition des Flamenco von der Pike auf. Flamenco ist ein Genre, das auf Wiederholung und Nachahmung basiert und sich in einem lebenslangen Prozess verfeinert. Die Voraussetzung dazu ist das Gefühl für die Trauer des Daseins, gepaart mit dem Wunsch sich dagegen zu erheben. Und der Wille, sein Leben mit der Gitarre zu bestreiten, jeden Tag, viele Stunden, in der Übung, in der Meditation und in der Darbietung. Paco de Lucia ist in seinem Leben zu einem Synonym für diese Haltung geworden und die Musik, die er mit seiner Gitarre kreiert, ist die tonale Geschichte des andalusischen Temperaments.

Die zahlreichen Alben Paco de Lucias sind allesamt ein Hochgenuss. Mit der bereits 1969 erstmals erschienenen Fantasia Flamenca bot er, analog zum kurz zuvor erschienen Flamenco Virtuoso der Musikwelt ein Tondokument dar, das den Gipfel bereits erklommen hatte. Auf insgesamt zehn Stücken liefert er die Meisterschaft des Flamencos. Mit Guarijas de Lucia zeigt Paco de Lucia bereits im ersten Stück die Bravur seines Handwerks und es wird deutlich, warum es im Spanischen heißt, tocar la gitarra, die Gitarre zu klopfen und oder zu berühren und nicht zu spielen. Die Rhythmik ist das tragende Element und es wird deutlich, dass ohne diesen Rhythmus die Welt einfach still stehen würde. Bei dem Stück Mantilla De Feria kommt hingegen die Erzähltradition des Flamencos zum Vorschein. Regelrecht bildhaft tauchen die Geschichten auf, die von einem Fest zum anderen getragen werden. In ihren Übergängen verweisen sie auf die Tradition der fahrenden arabischen Kaufleute, die danach wieder landen auf den andalusischen Märkten und dort für Kurzweil sorgen. In Mí Inspiracion führt Lucia das Ritual des übenden Meisters vor, der anhand der etüdenhaft repetierten Läufe die spirituelle Anreicherung durch die Reflexion der Übung aufweist. Auf Fiesta En Moguer wiederum ist deutlich die improvisatorische Kraft des Genres zu hören, die die Ausflüge durch verschiedene Tonartwechsel verdeutlichen, bevor sie zum eingängigen Schema zurückkehren. Und mit Generalife Bajo La Luna erlebt man nahezu die wohltuende Erlösung der Nacht, wenn sich die unbarmherzige andalusische Sonne nach einem weiteren Feldzug zurückzieht und dem Mond die Regie überlässt.

Bei Fantasia Flamenca verwandelt sich die kalt rationale Gedankenwelt in ein Reich der Träume, die vibrierend und glitzernd die Trennlinien zwischen dem Dinglichen und dem Spirituellen auflösen. Es ist die Improvisation eines handwerklichen Meisters, dem es gelingt, die Melancholie und das Feuer des Flamencos in die Wahrnehmung der Hörenden ausschwärmen zu lassen. Man wird das Gefühl nicht los, es mit einem Genre zu tun zu haben, das ewig leben wird.