Das Kapstadter Plädoyer

Nein, es war keine Konferenz. Ein schnödes Fußballspiel hat etwas in Bewegung gesetzt, was sich bereits in den vorherigen Begegnungen angedeutet hatte und nun zu Überlegungen führen sollte, die weit über den Fußball hinausgehen. Zumindest in dem Land, dessen Nationalmannschaft derzeit mit ihrem Spielstil und den daraus resultierenden Erfolgen die Fachwelt beeindruckt. Die bekannten, jahrzehntelang für Erfolge stehenden Tugenden der Deutschen sind es nicht mehr allein, sie fallen sogar kaum noch auf in einem Spiel, das viele neue Aspekte aufblitzen lässt, die man vielen anderen sonst zugesprochen hätte, aber eben nicht den Deutschen. Das Spielsystem ist erfolgreich, es macht Spaß und es ist in hohem Maße attraktiv. Der gegenwärtig zelebrierte deutsche Fußball ist ein exzellentes Plädoyer für einen Paradigmenwechsel.

Alles, was in unserem Land politisch so unentschieden und festgefahren ist, das Spiel der politischen Klasse auf nichts als den Machterhalt, die allgegenwärtige abwartende Haltung, das Vermeiden von Initiative, die alles übertönende Klage über die Rahmenbedingungen, die Erklärungsakrobatik zur Vermeidung der Aktion, all das, was uns seit Jahren peinigt und nicht von der Stelle bringt, könnte sich in Nichts auflösen, folgte man dem gegenwärtigen Beispiel aus der Welt des Fußballs.

Die so einfach daher kommende, aber erfolgreiche Demonstration der Fußballer beinhaltet programmatisch sehr vieles von dem, woran es in Politik und Arbeitsleben leider sehr oft mangelt. Niemand bezweifelt, dass das Team über eine Strategie verfügt, an die die jeweils taktische Situation angepasst werden kann. Es handelt sich um ein vergleichsweise junges Team, dem aber doch nicht die Alten fehlen. Die Migranten spielen in diesem Ensemble das, was sie können und das ist zuweilen genial. Sie sind ein Potenzial im System und sie sind verpflichtet auf das System und das funktionierende Ganze. Neben der deutschen Präzision und Durchsetzungskraft entfaltet sich eine levantinische Verspieltheit und paart sich mit polnischer Finesse. Im Bewusstsein der Akteure gehört das alles zusammen und man scheint sich mit den unterschiedlichen Kompetenzen und Fähigkeiten zu schätzen. Was dabei heraus kommt ist kein xenophobisches Rivalisieren, sondern ein kollektives Hochgefühl, das die Strategie trägt. Man kann ins Schwärmen kommen bei dem, was diese Mannschaft zuwege bringt und mehr noch bei der Betrachtung, wie sie dieses vollbringt. Der Fußball ist wieder einmal zu einem Lehrstück geworden, wie Organisation funktionieren kann, wenn Strategie und Komposition stimmen.

Beim Transfer der programmatischen Blaupause vom Fußball auf die Gesellschaft droht schnell der Mut zu sinken, weil das gegenwärtige Gefüge nicht so wirkt, als wäre der Wille da, das Kapstadter Plädoyer zu unterschreiben und in die Praxis zu übertragen. Aber die Erkenntnis, wie es besser werden könnte, haben die Kicker der großen Masse besser vermitteln können, als jedes politische Programm. Das ist großartig und zeigt, wie wichtig der Fußball als Kollektivsymbol nach wie vor ist. Und schließlich darf man ja auch mal träumen, erst vom Endspiel, und dann noch von einer besseren Welt.

Ein Gedanke zu „Das Kapstadter Plädoyer

  1. Avatar von tanamur@web.detanamur@web.de

    Parbleu! Den Dogmatismus hatte ich allerdings noch vergessen zu erwähnen!

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