Eine Revolution, die bis heute nachklingt

Muddy Waters. Electric Mud

Tief aus dem Delta war er gekommen. Aus den sumpfigen Arealen des Mississippi, nach denen sich McKinley Morganfield auch nannte. Muddy Waters gehörte zu jener Generation von Bluesmusikern, die aus dem fernen Süden mit der Gitarre nach Norden, genauer gesagt, nach Chicago zog, um dort sein Glück zu suchen. Dass es ihm gelingen sollte, zusammen mit anderen schillernden Figuren wie Howlin Wolf, Willy Dixon und Sonny Boy Williamson ein neues Genre zu begründen, war ihm Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts wohl kaum klar gewesen. Muddy Waters gehörte zu denen, die den Chicago Blues etablierten, eine Form, in der sich die Tradition des Südens mit der Urbanität des Nordens vereinte. Ziemlich genau zwanzig Jahre nach seiner Ankunft in Chicago setzte Muddy Waters allerdings erst zu seinem entscheidenden Schlag in der Geschichte des Blues an: Es erschien das Album Electric Mud.

Mit Erscheinen des Albums war die Welt erschüttert. Das Cover zeigte eine Voodoo-Kobra, im Inlay waren Bilder eines Muddy Waters zu sehen, auf denen er aussah wie heutige Rapper. Das Entscheidende jedoch waren die acht Songs, die die Genetik des Electric Rock festlegten. Die Stücke waren nicht einmal alle neu, aber sie wurden von Walters und Band komplett und durchgängig mit elektrischen Gitarren gespielt und bestachen durch die knorrigen, provokativ in die Rhythmik gesetzten Riffs, die zuweilen den Eindruck erweckten, in den Straßen Chicagos habe es gerade einen Car Crash gegeben. Und alle Titel wurden zu Fanalen für die neue Musik. Tausende von Bluesmusikern spielten sie seither nach, und wenn I Just Want To Make Love To You anklingt, und dort nur die ersten zwei Takte, dann löst das euphorische Stürme aus. I´m Your Hoochie Coochie Man bewirkt dasselbe und beide Texte zeugen von einer Zeit ungebrochener Maskulinität, in der das Womanizing mit der Rhythmik des Electric Blues assoziiert wurde. Let´s Spend The Night Together suggeriert da nichts anderes, und Mannish Boy schon gar nicht. Allenfalls bei Tom Cat schwingen leise Selbstzweifel mit, die allerdings nicht ernst gemeint sind.

Das Entscheidende an Electric Mud ist jedoch die Instrumentierung, die durchgehende steinerne Einhaltung des II-V-I-Schemas, die erbarmungslosen Riffs, die Härte wie Sanftmut auszudrücken in der Lage sind und die Souveränität, mit der diese Revolution präsentiert wurde.

Revolutionäres beweist sich absurderweise in der Geschichte danach in einer Kategorie wie Bestand. Aber den letzten Esprit erhält die historische Revolte in einem Dasein, in dem auch spätere Erneuerungsbewegungen darauf zurückgreifen. Und die Songs von Electric Mud, die leben weiter im Rap. Und die Kontinuität ist auch hier begründet im Affront: Der Blues wurde nicht nur elektrisch, er wurde mit Electric Mud, so lasziv da auch vieles rüber kam, zu einer Tonart der Rebellion.