Archiv für den Monat Juni 2010

Cesar Luis Menotti und der Fußball als Kollektivsymbol

Argentinien wurde 1978 Fußballweltmeister. Die damals unbezwingbare, genial aufspielende Elf hatte nicht nur die Ästhetik auf ihrer Seite, sondern auch das Volk. Ar-gen-tina, die Geschändete, hatte die Schmach der Militärdiktaturen mit ihren unsäglichen Foltermethoden satt und der Untergrund bereitete sich vor, den Korridor der Demokratie zu betreten. Neben der Mannschaft, die die erwachende Lebensfreude verkörperte, machte ein Stratege von sich reden, der als Trainer auf der Bank saß: Der kettenrauchende, immer etwas elegant-nachlässig gekleidete Grandseigneur des Offensivfußballs, den sie alle ehrfürchtig den Philosophen nannten und dessen Name vielen bis heute wie ein Glücksmoment des Fußballs in den Ohren klingt: Cesar Luis Menotti. Nach dem grandiosen Finale, in dem die Fillol, Pasarella, Tarantini, Ardiles, Kempes und Houseman die Niederländer trotz ihrer immer intelligenten Raumaufteilung einnahmen wie ein verlassenes Dorf, nach diesem Finale war nichts mehr so in Argentinien, wie es einmal war.

Cesar Luis Menotti schrieb kurz darauf einen Essay, der in viele Sprachen der Welt übersetzt wurde und das formulierte, was wie wahren Aficionados schon immer wussten: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fußball und Politik. Die Art und Weise, so Menotti, wie Fußball gespielt würde, lasse Rückschlüsse darüber zu, in welcher psychosozialen Verfassung eine Nation sei und in welche Richtung die Determinanten der Politik zeigten. Satte Nationen verwalteten normalerweise die Ergebnisse, im Aufschwung begriffene, revolutionäre nähmen die Gegner mit Euphorie im Sturm und gelähmte, eingeschüchterte Staaten wären eine leichte Beute. Argentinien, so der Fußballphilosoph, konnte 1978 trotz der herrschenden Diktatur so spielen, weil die Kräfte der Demokratie längst erwacht waren und das Volk erfasst hatten. Fünf Jahre später fiel die Militärdiktatur und drei Jahre darauf, 1986, wurde man noch einmal Weltmeister.

Es lohnt sich, Menottis Gedanken bei der Betrachtung von Weltturnieren im Kopf zu behalten. So wie es aussieht, verlieren sie weder an Aktualität noch an Akkuratesse. Niederländer spielen wegen ihrer Befindlichkeit unter dem Meeresspiegel immer mit einer virtuellen Raumaufteilung und sind somit fast zeitlos modern, die Engländer kommen immer mit dem Anspruch des Empires, in dem die Sonne nicht untergeht, um als bereits historisches Empire zu scheitern, auch das einstige französische Kolonialreich trumpfte nur einmal auf, und zwar mit einer Söldnertruppe und scheitert seitdem am gesetzten Großmachtsanspruch und Italien stellt immer wieder unter Beweis, dass eine eigenartige, befremdliche Mixtur aus Kreativität und fast destruktiver Disziplin das Überleben in jeglichem Umfeld zu garantieren scheint, wie auch die nationale Politik immer wieder unter Beweis stellt.

Bleiben noch die Deutschen, die eigentlich zeigen, dass sie nur fähig sind, an Aufgaben zu wachsen, die sie von anderen und gegen ihren Willen gestellt bekommen. 1954 war es die Aufbruchstimmung nach dem Krieg, 1974 die Abrechnung mit den nationalistischen Vätern, 1990 ging die andere Diktatur unter und 2010? Da zeigen sich Ansätze, wie fruchtbar die gelebte Einsicht sein kann, dass wir ein Einwanderungsland sind. Sehen wir weiter genau hin, und denken an Cesar Luis Menotti!

Auch das Reset vermeidet nicht das Desaster

Die Anregung ist vernünftig. Durchaus. Angesichts der Vorstellung, die seit Regierungsantritt geboten wird, drängt sich nicht die Vermutung auf, dass ein anderer Wind durch das Land geht. Jene Veränderung, die sich alle wünschen, aber durchaus unter konträren Vorzeichen. Es stehen sich nahezu zwei gesellschaftliche Lager gegenüber, die jeweils unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was sich ändern muss. Während die einen auf eine Perpetuierung des alten Sozialstaates setzen und den staatlichen Interventionismus für unabdingbar halten, streben die anderen nach der so genannten Liberalisierung und Deregulierung. Das eine Problem scheint darin zu liegen, dass beide Seiten an einer Illusion festhalten, die sie beide, selbst wenn sie es dürften, praktisch nicht durchhalten könnten. Der Sozialstaat des letzten Jahrhunderts kann ohne marktwirtschaftliche Steuerung ebenso wenig funktionieren wie die Begünstigung der wirtschaftlich starken Akteure ohne Interventionismus. Insofern führt unsere Gesellschaft eine Auseinandersetzung, die anhand eines falschen Paradigmenstreits stattfindet.

Das andere Problem stellt sich in der gegenwärtigen Bundesregierung dar. Sie agiert mit beiden Motiven, dem staatlichen Dirigismus, vertreten durch die Kanzlerin, und dem Liberalismus mit lobbyistischen Zügen, Vertreten durch den Vize-Kanzler. Eine derartige Konstellation ist sui generis zum Scheitern verurteilt. Ein programmatischer Grundwiderspruch innerhalb des inneren Führungskreises führt unweigerlich zum Bruch. Dass dann noch eine mehrheitlich personell bedingte mangelnde Professionalität auffällt und keinerlei Ethos sondiert werden kann, der sowohl fachliches wie soziales Vertrauen zu schaffen in der Lage ist, macht die Lage zum Desaster. So wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, wann sich eine temporäre deutliche Mehrheit im Volke für Neuwahlen bildet.

Berechtigt an dieser Variante ist allerdings nur der Appell, sich gefälligst gemäß den Herausforderungen an unser Regierungssystem anständig zu benehmen, was an sich schon einmal bei der Beurteilung des Plebs nicht zu unterschätzen ist. Zu was die Variante Neuwahlen allerdings nicht führen wird, ist die Überwindung der Spaltung in der Betrachtung der Welt. Die nun in der Opposition befindliche Vorstellung von staatlicher Politik ist zu systemimmanent und wird aus Respekt gegenüber der eigenen Wählerklientel nicht den Mut aufbringen, die Realitäten der Globalisierung anzuerkennen und Konsequenzen daraus aufzuzeigen.

Eine wie auch immer geartete Befreiung aus dem Circulus vitiosus der Politik in unserem Lande, die seit nunmehr bis auf kurze Unterbrechungen pathologisch begründet die Zeiten für notwendige Innovationen verschläft und somit eine Phase der Dekadenz etabliert hat, muss sich von dem Paradigma von Staatsmonopolismus versus Laisser-faire radikal lösen und die Fragen anders Stellen. Wie kann ein Land mit großer Exportorientierung den längst existenten Multikulturalismus durch eine adäquate Einwanderungspolitik integrieren, wie können Millionen Menschen, die den globalen Konkurrenzkampf längst verloren haben, durch Bildung und ökonomische Binnenangebote eine menschwürdige Perspektive erhalten und welche sozialen Werte bestimmen unser Zusammensein, das sich ausdifferenziert bis in die letzten Winkel der Welt, aber mit dem traditionellen Weltbild kollidiert? In diese Richtung sollten die Fragen beschäftigen, über die wir streiten müssen.

Kanonen statt Butter!

Wie schön war es noch zu Kaisers Zeiten, als man alles in den Händen hielt. Oder nichts in selbigen hatte als die Schwielen, die trotz Plackerei nichts eingebracht hatten. Aber es gab eben eindeutige Symbole für den Wohlstand des Volkes und man verstand sich auf Ehrbegriffen, in denen Religion und Nation renommierte Plätze einnahmen. So verwunderte es nicht, dass der Kaiser in der nationalen Krise namens I. Weltkrieg die obige Parole ausgeben konnte. Butter war das Symbol für den zumindest ernährungsbezogenen Wohlstand des Volkes und mit der Kanone wurden nicht nur die nationale Ehre, sondern handfeste Wirtschaftsinteressen verteidigt. Als dann das Geld ausging, forderte der Kaiser sein Volk auf, Kriegsanleihen zu zeichnen, um den Bau weiterer Kanonen finanzieren zu können. Bezahlt werden sollte dieses mit dem Verzicht auf die „gute Butter“, ein Zynismus an sich, weil bei en meisten Deutschen schon lange der Hunger herrschte.

Heute stellt sich die Frage anders dar, aber sie weist auch Analogien auf! Der heiße Krieg ist zwar seit mehr als sechzig Jahren passé, aber was röhrende Panzer und donnernde Kanonen nicht mehr zustande bringen, leistet heutzutage in ganz anderen Dimensionen die Börse: Sie vernichtet Kapital und Werte, und das in einer Dimension, von der die Dicke Berta aus dem Hause Krupp niemals zu träumen gewagt hätte. Statt der Kanonen zur Verteidigung der eigenen Interessen und Bastionen hat sich die gegenwärtige Bundeskanzlerin Gegenmaßnahmen ausgedacht, die auf einen Stellungskrieg an Börsen und anderen unwegsamen Finanzschauplätzen setzten, wo sich nun die Spekulantenverbände und die Truppen des staatlichen Interventionismus gegenüber stehen. Das Problem dabei ist, dass es sich bei den Spekulanten zumeist um Deserteure aus dem eigenen Lager handelt.

Und im Falle eines internationalen Finanzkrieges, den wie den I. Weltkrieg nicht das Volk, sondern bestimmte Kräfte des imperialen Größenwahns angezettelt haben, wird wiederum dem rot bezipfelten Michel in bösartiger Manier die Rechnung präsentiert. Man müsse sparen, so heißt es, um die ungeheure Verschuldung des Staates aufzuhalten und das Schicksal zu wenden. Falsch ist diese Aussage nicht, nur ist die Verschuldung auch verschuldet, und wer die Schuld trägt, sollte auch als Verursacher zur Verantwortung gezogen werden. Das präsentierte Sparpaket der Bundesregierung hätte bei keinem mehr Verständnis erhalten, als bei den so genannten kleinen Leuten, die die Träger des eigentlichen Patriotismus sind, der sich nämlich nicht unter wehenden Fahnen und rauschenden Festen, sondern in der Übernahme von Verantwortung äußert. Indem jedoch die Verantwortung der Verursacher ausgeblendet wurde, hat sich die Regierung den Ahnengang zum untergegangenen Kaiserreich gesichert.

Der Slogan „Kanonen statt Butter“ wurde von John Heartfield, dem politisch engagierten Montagekünstler, aufgegriffen. Von ihm stammte ein Plakat, auf dem spärlich bekleidete Arbeiterkinder hohlwangig an Metallteilen lutschten. Das Plakat hatte die Überschrift: „Hurra, die Butter ist alle!“ Der Zynismus kommt einem sehr bekannt vor, und er ist mehr als bedrückend.