Archiv für den Monat Juni 2010

Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption

Das Apercu Walter Benjamins könnte, um sich in der heutigen Diktion zu bewegen, als Qualitätskontrolle für vieles von dem gelten, mit welchem wir uns herumzuschlagen haben. Wie oft, fragen wir uns nicht nur auf der Folie von Politik, sucht man vergeblich nach einer kohärenten und logisch konsistenten Folgerichtigkeit für das Handeln. Vielmehr drängt sich in jeder Aktion der Verdacht auf, dass sie aus einem bloßen Opportunitätsdenken entspringt oder der Schimäre folgt, die Praxis werde wohl hinterher zeigen, was sie wert war. Das Fehlen von Strategie setzt sich fort in einem konzeptionellen Vakuum, denn wer nicht weiß, wohin er will, der kann auch nicht planen, wie er dorthin kommt. Es ist oft so desolat, dass sich ein weiteres Zitat aufdrängt, diesmal von dem so tragisch dahin geschiedenen Dramaturgen Ödon von Horvath, der das Versagen seiner Zeit, die mangels einer wertbezogenen Orientierung in der Barbarei versank, jenen unvergesslichen Satz aussprach: „Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

Das Auflegen einer Power Point Präsentation, die sich in der optischen Erfassung meist alltäglicher Gedanken ergießt, ersetzt nicht das klassische, seit der Antike etablierten und in der Aufklärung veredelten Vorgehensweise einer konkludenten semantischen Architektur, die sowohl Ursache und Wirkung, als auch das Ziel und den Weg beschreibt. Das Herzstück der Konzeption, das sich manifestiert in der Frage von Strategie und Taktik, kommt nur zum Zug, wenn der Wert der Strategie begriffen und die Instrumentierung als solche gekennzeichnet ist. Max Horkheimers kulturkritische Betrachtungen, die als Kritik der instrumentellen Vernunft in die Annalen der Moderne geschrieben wurden, lassen Rückschlüsse zu, wovor er warnte und was wir heute als Scherbenhaufen begutachten: Die Überhöhung der Mittel, die Deklarierung der Instrumente zur eigentlichen Strategie. So neu ist das nicht, aber desto schonungsloser ist die Frage zu stellen: Ist das politische Handeln, das auch nichts anderes als ein Derivat des so genannten Zeitgeistes ist, nicht mehr in der Lage, die Kausalität von Zweck und Mittel zu signieren? Und ist die so gepriesene Konsensbildung, auf die sich das ganze politische System beruft, die ultima ratio einer nicht mehr Ziele benennen wollenden Gesellschaft, die sich davor fürchtet, das zu formulieren, wohin sie strebt. Wer Kausalität ausklammert, verschreibt sich der Beliebigkeit und wer das Instrumentelle überhebt, hat sich dem Fetisch ergeben.

Nähmen wir die Totenmaske so mancher Werke, mit denen uns die politische Klasse gegenwärtig konfrontiert, so erhielten wir ein eigentümliches Ensemble, mehr Montage als pars pro toto, es sähe eher aus wie ein Bombeneinschlag in ein Werkzeuglager, die einzelnen Hilfsmittel verstreut, wie Suchzeichen im Niemandsland. Da entdeckt man nicht mehr die Handschrift von Meistern oder zumindest Gesellen, die wissen, wie das Werkstück auszusehen hat, an dessen Entstehung sie arbeiten. Es sind einzelne Etüden, die zusammengeklaubt und mit einer stilistisch aufwendigen Camouflage etikettiert werden, als handele es sich um ein gedanklich anspruchsvolles Produkt. Und wenn das Wesen nicht zu entdecken ist, lässt sich keine Aura mehr verspüren.

Topographie der Gleichgültigkeit: Lower East Side

Richard Price. Cash

Richard Price, Schriftsteller und bekannter Drehbuchautor, weiß, wovon er schreibt. Geboren 1949 in der Bronx. Und die entscheidenden Jahre dort geblieben. Da muss nicht mehr viel dazukommen, um die Welt in ihrer Unzulänglichkeit zu begreifen. Dass Price schreiben kann, hat er schon lange bewiesen, dass es bei ihm kurzweilig zugeht auch. Und dass er glaubt, im Kriminalmilieu den Existenzfragen am nächsten zu sein ebenso. Mit seinem 2008 in den USA erschienen siebten Roman unter dem Titel Lush Life (das üppige Leben GM.) hat er noch mehr geleistet. Ihm ist einer der wenigen Romane gelungen, die den perfektesten Mikrokosmos namens New York City erzählerisch halbwegs in den Griff kriegen. Und das ist so mit das Anspruchvollste, was man von einem Metropolenschriftsteller erwartet. Die deutsche Übersetzung erschien nun, leider unter dem irreführenden Titel Cash. Eine Heraushebung des Namens einer Hauptfigur, der etwas anderes suggeriert.

Die Handlung, die Richard Price zur Folie seiner Betrachtungen macht, ist kurz erzählt, und die Geographie auf den Teil Manhattans beschränkt, der am East River liegt und die Lower East Side genannt wird. Drei junge Männer ziehen um die Blocks, von Bar zu Bar und Drink zu Drink und morgens um Drei werden sie von halbwüchsigen Streunern gestellt, die sie überfallen wollen. Einer der drei, Ike Marcus, tritt ihnen entschlossen entgegen, es löst sich ein Schuss und der Held ist tot. Die Täter fliehen, der dritte im Bund ist zu blau und fällt einfach um und Eric Cash hat einen Schock und tut Dinge, die nicht rational sind. Das führt dazu, dass die Polizei den Mann zunächst für den eigentlichen Täter hält, was sich jedoch als Irrtum herausstellt.

Es folgen Verwicklungen, die aus politisch inszenierten Ermittlungsschritten resultieren und die sehr dialogisch angelegte Handlung wird zu einem unerschöpflichen Kompendium von Protokollen über das menschliche Scheitern. Latinos, Iren, Juden und Italiener haben in dieser Topographie die schweren Schläge missratener Sozialisationen gemeinsam: anschaffende Mütter, drogenabhängige Geschwister und saufende, kriminelle Väter scheinen das Grundmuster eines Mikrokosmos zu sein, in dem niemand nach zivilisatorischen Maßstäben lebt, sondern alle allenfalls in einer eher bestialischen Dimension überleben. Dabei fällt auf, dass die verfügbaren Sozialstrukturen keine Refugien vorhalten, in denen Gattungsgenossen von dem allgemeinen Frevel ferngehalten werden. Nein, sowohl die gescheiterten Bewohner der Betonsilos als auch die sie jagenden Cops haben eine gemeinsame Geschichte, die sie nicht in moralisch unterschiedliche Welten trennt. Sie leben alle in der einen, in einer Art Topographie der Verzweiflung, die endet in der Gleichgültigkeit.

Irgendwann schnappt auch der irische Detective mit seiner Latinakollegin den wahren Mörder, der einem aber genauso leid tut wie sein Opfer, es gibt einfach kein Gut und kein Böse mehr. Aber hinnehmen, hinnehmen will man das alles dann doch nicht. Dank einer großartigen Textur.

Umgestaltung als Handwerk

Revolten, Revolutionen, radikale Reformen, egal, wie der Versuch, etwas Bestehendes umzugestalten auch betitelt wird, das Unterfangen, Strukturen, Verhalten und Funktionsweisen ändern zu wollen ist ein ungemein komplexes. Seit Menschengedenken wird darüber nachgedacht, wie ein solcher Prozess zu gestalten ist und immer wieder wird die Frage gestellt, inwieweit die Art und Weise des Veränderungsprozesses selbst das spätere Ergebnis in hohem Maße determiniert. Trotz aller Divergenzen bezüglich der zu wählenden Mittel ist unumstritten, dass es beim aktiven Wandel immer auch um Macht geht: Die, die die Initiative ergreifen, wollen sie haben und die, die quasi in ihren bestehenden Verhältnissen angegriffen werden, sollen sie gefälligst abgeben. Der Kampf um Macht wird auf dem Feld der Gewalt ausgetragen. Jenes berühmte Zitat Maos, dass die Macht den Läufen der Gewehre entspringe, gehört wohl zu den treffendsten Metaphern. Dabei kann es auch ziviler zugehen, von der Symbolik über die Wortwahl bis zu friedlichen Mehrheiten. Aber letztendlich zählt, welcher Wille sich in dem Spiel der Kräfte durchgesetzt hat.

Neben der Macht geht es aber auch um das Denken, die intellektuelle Disposition, mit der die Veränderer wie die Bewahrer in die Auseinandersetzung gehen. Während den Bewahrern meist die immanente Logik wie der Schwur auf die bestehenden Werte ausreicht, sind die Veränderer in der Bringschuld, d.h. sie müssen mit einer neuen Denkweise faszinieren, die nicht nur das Alte in Frage stellt, sondern auch das Neue vermag mit all seinem Charme darzustellen. Daher gehört es nicht nur zu der Rhetorik der Veränderung, wenn diese den Prozess der Zerstörung des zu Überwindenden in den Mittelpunkt stellt. Zerstörung und Entsetzen sind ein Zustand des Übergangs und die psychische Stabilität aller Beteiligten hängt von der Strahlkraft der Zielsetzungen ab, für die die Veränderer wirken. Verliert das Ziel seine Attraktion, dann wirkt der Akt der Zerstörung umso stärker und entwickelt eine negative Aura, die die Revolte in die Defensive bringt.

Eine der höchsten Künste in der Organisation menschlicher Zusammenschlüsse ist die des bewusst gestalteten Übergangs. Akteure, die sich auf diesem Feld bewegen, müssen unmäßig in ihrem Willen nach Veränderung sein, aber maßvoll in der Behandlung derer sein, die sich mit dem radikalen Wandel schwer tun. Sie müssen das Handwerk von Strategie und Taktik virtuos beherrschen, d.h. sie müssen Ziel und Wirkung taxieren können, den Gegner kennen wie sich selbst und sie dürfen nicht dem Schein verfallen, die Instrumente des Wandels seien der Wandel selbst. Letzteres ist die Todsünde einer jeden Veränderung, weil sie sich in einer Diskussion um die Instrumente verliert und den Geist dabei geflissentlich vergisst. Das Handwerk, so weiß es die Gesellschaft, dient immer der gedachten Form.

Der französische Existenzialist Jean Paul Sartre pflegte jene Schwarzen Reiter als Vorboten des Scheiterns am Horizont der Veränderung die Techniker des Geistes zu nennen. Er vermisse, so dieser unbeugsame Denker weiter, die Spiritualität, die erforderlich ist, um das Dasein zu erleuchten.