Was in der schulischen Pädagogik als ein Problem erlebt wird, entwickelt sich zu einem gesellschaftlich nicht hinterfragten Standard des Arbeits- und Privatlebens. Wenn Kinder in ihrer Entwicklung von ihren natürlichen Sozialisationsinstanzen alleine gelassen werden, d.h. wenn Eltern, Großeltern, Geschwister und andere Bezugspersonen sich nicht mehr anbieten, um Fragen zu beantworten, Rat zu geben, zuzuhören oder mitzufühlen, und wenn sich diese Ödnis systematisiert, dann reagiert der junge Mensch nicht selten mit einem pathologisch definierten Phänomen. Er beginnt sich zu inszenieren, er sendet die Umwelt störende Signale, er unternimmt alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Irgendwann werden diese Strategien zu einer eigendynamischen Verhaltensweise und wir haben es mit dem Krankheitsbild zu tun, das den Namen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom trägt. Mit der wachsenden Unfähigkeit von Familie und Gesellschaft, die kindliche Sozialisation als im wahrsten Sinne des Wortes humanes Ensemble zu begleiten, schnellt das Krankheitsbild statistisch in die Höhe.
Wir haben uns nicht nur an die Erscheinung gewöhnt, die das allgemeine ADS abgibt, obwohl uns natürlich schreiende, randalierende und zerstörende Kinder stören, aber irgendwie sind sie eine Erscheinung unserer Zeit geworden. Allenfalls ein Auslandsaufenthalt in einem z.B. mediterranen Land mit einem weniger zerstörten Familienbild lässt uns noch einmal erahnen, wie sich Kinder verhalten könnten, wenn sie ein durchdachtes Maß an Freiheit und Zuwendung erlebten. In solchen Situation wird uns dann auch bewusst, wie wichtig und notwendig eine kulturkritische Behandlung der Erziehung in unserem Lande ist.
Umso erstaunlicher ist die unreflektierte, weil gar nicht ins Bewusstsein dringende Umgangsweise mit einem anderen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, das dabei ist, nicht nur immer mehr von unseren verfügbaren Zeitanteilen zu rauben, sondern auch unsere Konzentrationsfähigkeit systematisch zu ruinieren und eine Form der Dominanz zu erzeugen, die unseren Willen erodiert. Wir alle sollten sie einmal zählen, die unzähligen optischen und akustischen Signale, mit denen wir auf Emails, SMS, Telefonanrufe, Twitter etc. aufmerksam gemacht werden. Einmal abgesehen von der Dimension, die wir bis dato sicherlich alle unterschätzen und die uns überraschen wird, werden wir auch zu dem Ergebnis kommen, dass unsere soziale Interaktion, d.h. unser direkter Kontakt zu anderen Menschen, nur noch einen Bruchteil von dem ausmacht, was maschinell mit uns passiert. Wir sind also schon mitten in einem Prozess der sozialen Deformation, ohne dass die Alarmglocken Sturm läuteten oder wir uns darüber kritisch unterhielten.
Der unkritische Umgang mit den Techniken, die unsere Kommunikation zu unterstützen in der Lage sind, hat in vielerlei Hinsicht dazu geführt, dass wir die Fähigkeit der humanen Kommunikation als Signé des Homo sapiens per se immer mehr verlieren. So wird ein ADS zu einem kritisch untersuchten, pathologischen Zeitphänomen, während der das Denken deformierende Maschinenterror als eine zivilisatorische Errungenschaft gepriesen wird.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.