Archiv für den Monat Juni 2010

Das maschinelle Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom – MADS

Was in der schulischen Pädagogik als ein Problem erlebt wird, entwickelt sich zu einem gesellschaftlich nicht hinterfragten Standard des Arbeits- und Privatlebens. Wenn Kinder in ihrer Entwicklung von ihren natürlichen Sozialisationsinstanzen alleine gelassen werden, d.h. wenn Eltern, Großeltern, Geschwister und andere Bezugspersonen sich nicht mehr anbieten, um Fragen zu beantworten, Rat zu geben, zuzuhören oder mitzufühlen, und wenn sich diese Ödnis systematisiert, dann reagiert der junge Mensch nicht selten mit einem pathologisch definierten Phänomen. Er beginnt sich zu inszenieren, er sendet die Umwelt störende Signale, er unternimmt alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Irgendwann werden diese Strategien zu einer eigendynamischen Verhaltensweise und wir haben es mit dem Krankheitsbild zu tun, das den Namen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom trägt. Mit der wachsenden Unfähigkeit von Familie und Gesellschaft, die kindliche Sozialisation als im wahrsten Sinne des Wortes humanes Ensemble zu begleiten, schnellt das Krankheitsbild statistisch in die Höhe.

Wir haben uns nicht nur an die Erscheinung gewöhnt, die das allgemeine ADS abgibt, obwohl uns natürlich schreiende, randalierende und zerstörende Kinder stören, aber irgendwie sind sie eine Erscheinung unserer Zeit geworden. Allenfalls ein Auslandsaufenthalt in einem z.B. mediterranen Land mit einem weniger zerstörten Familienbild lässt uns noch einmal erahnen, wie sich Kinder verhalten könnten, wenn sie ein durchdachtes Maß an Freiheit und Zuwendung erlebten. In solchen Situation wird uns dann auch bewusst, wie wichtig und notwendig eine kulturkritische Behandlung der Erziehung in unserem Lande ist.

Umso erstaunlicher ist die unreflektierte, weil gar nicht ins Bewusstsein dringende Umgangsweise mit einem anderen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, das dabei ist, nicht nur immer mehr von unseren verfügbaren Zeitanteilen zu rauben, sondern auch unsere Konzentrationsfähigkeit systematisch zu ruinieren und eine Form der Dominanz zu erzeugen, die unseren Willen erodiert. Wir alle sollten sie einmal zählen, die unzähligen optischen und akustischen Signale, mit denen wir auf Emails, SMS, Telefonanrufe, Twitter etc. aufmerksam gemacht werden. Einmal abgesehen von der Dimension, die wir bis dato sicherlich alle unterschätzen und die uns überraschen wird, werden wir auch zu dem Ergebnis kommen, dass unsere soziale Interaktion, d.h. unser direkter Kontakt zu anderen Menschen, nur noch einen Bruchteil von dem ausmacht, was maschinell mit uns passiert. Wir sind also schon mitten in einem Prozess der sozialen Deformation, ohne dass die Alarmglocken Sturm läuteten oder wir uns darüber kritisch unterhielten.

Der unkritische Umgang mit den Techniken, die unsere Kommunikation zu unterstützen in der Lage sind, hat in vielerlei Hinsicht dazu geführt, dass wir die Fähigkeit der humanen Kommunikation als Signé des Homo sapiens per se immer mehr verlieren. So wird ein ADS zu einem kritisch untersuchten, pathologischen Zeitphänomen, während der das Denken deformierende Maschinenterror als eine zivilisatorische Errungenschaft gepriesen wird.

Autoritätsverlust

Der Terminus pfeift durch unsere Welt wie der Jetstream. Ob in der Politik, der Arbeitswelt, in persönlichen Beziehungen wie in der Sportwelt hören wir ihn immer wieder als eine Art Erklärungsmuster, das die fehlende soziale Kohärenz zu deuten sucht. Autorität, die Ausübung und Anerkennung einer Machtposition durch die Beteiligten, hat sich historisch in unterschiedlichen Phasen legitimiert. Man könnte durchaus sagen, dass die Linie von einem eo ipso, als aus sich selbst heraus bis zu einem Muster der vor der Gemeinschaft erworbenen Geltung reicht. Sozusagen vom Göttlichen zum mächtig Irdischen bis hin zum wegen bestimmter Leistungen Verliehenen. Zeigt der allseits erworbene Verlust von Autorität also, dass die göttliche oder Waffen klirrende Autorität verlässlicher war als ihre demokratische Variante? Oder sollten wir einem anderen Pfad folgen und uns die Frage stellen, worin die Ursachen für einen schleichenden, aber epidemisch um sich greifenden Geltungsverlust zu suchen sind? Letzteres ist sicherlich das Interessantere, denn wer will schon in einer Metaphysik enden, die bereits in den Geschichtsbüchern vor sich hin ranzt?

Um einem para-religiösen Irrglauben der Moderne gleich den Kampf anzusagen: Die heutigen Zeitgenossen sind nicht weniger religiös und metaphysisch wie ihre Artgenossen im Mittelalter. Ganz im Gegenteil! Der Mensch des Mittelalters hatte, obwohl mehr formal begründeten Autoritäten folgend, eine wesentlich kritischere Vorstellung von dem, was das irdische Dasein erwarten ließ als die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts. Letztere glauben in ihrer Mehrheit, aus der irdischen Existenz leiste sich der Anspruch nach Erfüllung und Glück wie von selbst ab, wovon der mittelalterliche Mensch nicht zu träumen wagte. Bei ihnen blieb das Glück der zweiten, immateriellen Existenz vorbehalten. Heute, da wird es sehr materiell begründet, obwohl es sich selbst bei jenen Wenigen, die es erlangen, als eine kolossale Sinnentleerung entpuppt.

Geglückte Autorität besteht in unseren Tagen aus einer Mixtur tatsächlich vorhandener Verfügungsgewalt und bestimmten Fähigkeiten, die faszinieren. Zumeist sind es soziale Fähigkeiten, kommunikatives Talent, rhetorische Potenz, Wissen, methodisches Können, moralische Integrität oder visionäre Kraft. Menschen, die eine oder mehrere derartiger Fähigkeiten aufweisen, finden sich oft in Führungspositionen wieder, und in der Kombination zwischen materieller und ideeller Macht ist die Strahlkraft von Autorität begründet.

Die Klage, die bei der infektiösen Verbreitung des Autoritätsverlustes mitschwingt, bezieht sich nicht auf die Erosion formaler, materiell begründeter Macht, sondern auf die ideellen Komponenten. Und da wir es nicht mit einer kollektiven Kompetenzamnesie zu tun haben können, müssen wir unser Augenmerk auf die Zugänge zu Machtpositionen richten, denn dort scheint das Problem begründet zu liegen. Immer mehr Individuen erhalten den Schlüssel zur Macht, ohne das Potenzial zu einer autoritativen Entwicklung mitzubringen, d.h. das Charisma, die notwendige Aura sozial akzeptierter Macht, kann sich bei Korruption, Kollusion und Nepotismus schlichtweg nicht mehr entfalten.

Flaschenpostwürfe ins digitale Meer

Carl Weissner. Manhattan Muffdiver

Carl Weissner, nicht einer, sondern der Kronzeuge der Undergroundliteratur hat es inszeniert, wie es nur die Zeremonienmeister des Genres Vermögen. Während eines zweimonatigen New York-Aufenthalts setzte er sich täglich in einen McDonald, wo er zum Preis des Verzehrs einer Portion Chicken McNuggets einen halbstündigen freien Zugang ins Internet bekommt. Täglich setzt er eine Mail ab, die sich als Modul eines Fortsetzungsromans lesen lässt. Das Ergebnis ist Manhattan Muffdiver, der sich schlürfen lässt wie ein hipper Cocktail und die rezeptionsmüden Synapsen richtig zum Knallen bringt. Die Nachrichten, die Weissner mit einem Return in den Äther haut, sind – wie sollte es anders sein – ein Epatez le Bourgeois, eine Kampfansage an die Disseminierung des affirmativen Trash. Seine Mails sind Flaschenpostwürfe ins digitale Meer.

Damit gelingt vieles, was in der klassischen Hermeneutik von heute nicht mehr für möglich gehalten wird. Der Eindruck, das Profane, die biographische Reminiszenz wird verschlüsselt in eine Textur für Übersee und mit lichtgeschwindiger Beschleunigung in den Äther geschleudert. Die über das Enigma verfügenden Undergroundrezeptoren sind in der Lage, die Botschaften zu entschlüsseln und die aus dem McDonald in Manhattan gesendeten Signaturen zu deuten.

Carl Weissner, der einen nicht zu tötenden Instinkt für das Skurrile des Alltags besitzt, spürt sie wie ein Jagdhund auf, die pittoresken Zeitgenossen mit ihren Finessen des Überlebens, die nach Bratenfett riechenden Diven einer längst vergangenen Hochblüte der Moderne wie die strunzigen Rappa, die mit ihren textorialen Riffs den Groove zurück in die Sprache bringen. Wie vom Schicksal gelenkt spürt Weissner sie auf, um sie in seine eigene, explosive Sprache zu formen und in einer Komposition zu verarbeiten, die sich leiten lässt von dem Gedanken, dass die Welt im Detail zu finden ist. Und natürlich überschreitet er die Grenze zwischen unmittelbarer Erfahrung und Fiktion, und natürlich tauchen sie alle auf, die Schwarzen Reiter des Genres Underground, die Bukowskis und Burroughs, selbst Bestandteil von Weissners Leben und Wirken. Deutlich wird die sphärische Auflösung des Zeitlichen, der Tod verliert die Kontur des existenziell scheidenden und folglich etabliert sich der Sensenmann zu einem Freak, der munter mitmischt in der Inszenierung des Weltgefüges und ganz Underground verliert er dabei seine Furcht einflößende Macht. Schön zu ende gedacht in einem Appendix des Buches mit dem Titel Das Ende des Suicide Kid, einer Reminiszenz an die Beerdigung Bukowskis in L.A.

Manhattan Muffdiver ist nicht nur ein grandioses Buch, das noch entschlüsselt werden wird als das mediale Format, das den Underground in die Ewigkeit rettet. Es ist zugleich Balsam für die Seele der semantisch Entleerten, wenn sie lernen zu entdecken, wie viel Poesie im behutsam frei gelegten Trashfragment zu finden ist.