Nein, in dieser Frage kommt man mit Nietzsche nicht weiter. Allenfalls mit George Bataille. Aber letztendlich ist es hinreichend, die Vorgänge von Machtausübung aufmerksam zu beobachten. Und es fällt auf, wie sollte es anders sein, dass es verschiedene Typologien der Machtausübung gibt. Individuen, die in Machtpositionen kommen, können in der Regel eine Erfolgsgeschichte aufweisen, sonst wären sie nicht dort, wie sie sind. Manchmal gibt es Situationen, die gerne mit dem Begriff des Kairos beschrieben werden. Damit ist gemeint, dass bestimmte Personen schlicht und einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und dadurch in Machtpositionen gelangt sind. Aber auch das kann durchaus eine Leistung sein.
Typologisch hingegen sind vor allem jene Charaktere hervorzuheben, die ihre Macht dadurch zu erhalten und zu mehren suchen, indem sie schneidend scharf ihre Autorität einfordern und ein gedankliches Paradigma schaffen, nach dem der Machtbereich nach einer relativ kurzen Zeit funktioniert. Ein anderer Typus, den wir zunehmend in den Biotopen der Konsensdemokratie beobachten können ist der, welcher den Zustand der Ambiguität, d.h. der Unbestimmtheit und des Austarierens kultiviert. Seine Stärke besteht im Aushalten provisorischer, instabiler Verhältnisse.
Die Attitüde, die Macht zu nutzen, um Krisen, wie das Volk so treffend titelt, auszusitzen, ist weit verbreitet und reicht in unserem Land bis ins höchste Amt. Man kann die Textur bei jeder Handlung entziffern. Es geht immer darum, wie die eigene Macht gesichert werden kann. Eine Strategie oder Ziele spielen kaum noch eine Rolle. Aber auch wenn diese vorhanden sind, ist der permissive, unbestimmte Führungsstil ein sehr hoher Preis für jede Organisation. Die Unbestimmtheit, die auf das Aushalten und den längeren Atem setzt, kostet unendlich Zeit. Zeit, die bekanntlich in einem chronischen Konkurrenzverhältnis vor allem in einem globalen Kontext dazu führen kann, Terrain preiszugeben, das unwiederbringlich verloren ist. Und das Spiel auf Zeit ist zudem ein auto-destruktives, wenn man sich die Protagonisten dieses Systems einmal genauer anschaut. Sie ruinieren sich, indem sie die Pose der vermeintlichen Sozialverträglichkeit annehmen.
Der Typus der bestimmten Machtausübung ist in unseren Breitengraden selten beliebt, weil er viele an die Autoritäten erinnert, die zu den ganzen Traumata geführt haben, die die Handlungsfähigkeit unseres Landes seit langem so beeinträchtigen: Eine auf Zerstörung und Militanz ausgerichtete Macht. Das historische Aroma sollte nicht den Blick gänzlich verstellen. Denn der bestimmte, deutliche, die Macht zeigende und dennoch dialogfähige Führungsstil ist in anderen westlichen Zivilisationen, denen der Fundamentalismus erspart geblieben ist, durchaus vorhanden, und, man höre und staune, vorteilhafter für den demokratischen Prozess als das konsensuale Ritual der Zermürbung.
Unentschiedenheit, die sich als Dialogfähigkeit präsentiert, kostet selbst die Betreiber ungeheure Ressourcen, sodass der harte Gang des Konfliktes, den wir durchaus als eine positive Fähigkeit des Regierens bezeichnen können, wie eine einmalige, wohl dosierte Investition erscheint.
