Wiegenblues vom Prinzen aus Mali

Ali Farka Toure. Niafunke

Lange bevor Ry Cooder ihn mit dem Album Talking Timbuktu der westlichen Öffentlichkeit näher brachte, war Ali Farka Toure auf seinem Kontinent schon eine Instanz. Der Prinz aus Mali mit seinen fünf Frauen beherrschte das Gitarrenspiel so sehr wie den Groove, in dem sich Afrika bewegt. Ali Farka Toure, der bedauerlicherweise im Jahr 2006 einem Herzinfarkt erlag, war der Geist und Ton des pechschwarzen Blues. In einem Interview, das die Produzenten der Scorsese-Reihe über die Geschichte des amerikanischen Blues mit ihm in seiner Heimat führten, erzählte Ali, wie er zum ersten Mal im Radio John Lee Hooker gehört habe. Er fragte seine Freunde, mit denen er das Programm hörte, ob sie wüssten, wer das sei. Als sie antworteten, es sei John Lee Hooker aus den USA, da lachte er sie aus und sagte, „das kann doch gar nicht sein, das ist doch einer von uns!“ Besser kann man nicht beschreiben, wie nah der US-amerikanische Blues seinen Wurzeln in Afrika ist. Und Ali Farka Toure war der Musiker, der diese Beziehung in der Neuzeit verkörperte. Bis zu seinem Tod lebte er bei seinem Stamm und in seinem Dorf, aber er wurde der große geistige Führer und handwerkliche Lehrer für eine ganze Generation von Musikern Afrikas.

Nachdem einige Zeit seit dem in den USA produzierten Album Talking Timbuktu vergangen war, nahm Ali Farka Toure mit Niafunke ein Album in Afrika selbst auf, das strikt auf die Wurzeln verweist. Nach dem Auftakt mit Ali´s here, in dem er mit der elektrischen Gitarre den Konnex zwischen den beiden Kontinenten aufblitzen lässt, wird es mit Allah Uya und Mali Dje sowie Saukare sehr traditionell. Es sind ritualisierte Weisen, die sehr verdeutlichen, wie genuin das Genre in seiner Heimat ist. Bei Hilly Yoro hört sich das Ganze schon an wie eine Exilfeier in den Straßen von San Francisco, wobei der afrikanische Gesang bereits gestützt wird von einem kompletten Blues-Equipment, wie es auf den Bühnen des Electric Blues in Chicago üblich ist. Und bei Tulumba klingt es gänzlich nach der Windy City, wären da nicht die Kongas, die nur in den Tropen diesen Rhythmus zeitigen. Mit Instrumental wird deutlich, was Ali Farka Toure meinte, als er darauf verwies, dass John Lee Hooker doch einer von ihnen sei. Das, was Toure dort, ohne Begleitung, von der Rhythmik bis zu den Riffs treibt, das hört sich tatsächlich an wie der große John Lee. Nur dass der eine sein Domizil in Detroit oder San Francisco hatte und mit einem Chevi durch die Schluchten fuhr, während der andere in einem großen Zelt in Mali saß. Die geographische Trennung des Genres, bedingt durch Versklavung und Verschleppung, wird durchbrochen durch die Kontinuität von Rhythmus und Akkordfolge. In ASCO wird die Kraft deutlich, mit der sich der heutige Blues in Afrika präsentiert und es ist nicht nur ein Indiz von Nostalgie, dass es viele US-Bluesmusiker immer öfter nach Afrika treibt, um Kraft zu schöpfen und sich inspirieren zu lassen. Und mit dem letzten Stück Pieter Botha wird deutlich, dass das Genre immer Politik von Unten gewesen ist.

Ali Farka Toure zu hören, heißt, zu begreifen, wie vergänglich die Welt ist und was dennoch Bestand hat.