Autoritätsverlust

Der Terminus pfeift durch unsere Welt wie der Jetstream. Ob in der Politik, der Arbeitswelt, in persönlichen Beziehungen wie in der Sportwelt hören wir ihn immer wieder als eine Art Erklärungsmuster, das die fehlende soziale Kohärenz zu deuten sucht. Autorität, die Ausübung und Anerkennung einer Machtposition durch die Beteiligten, hat sich historisch in unterschiedlichen Phasen legitimiert. Man könnte durchaus sagen, dass die Linie von einem eo ipso, als aus sich selbst heraus bis zu einem Muster der vor der Gemeinschaft erworbenen Geltung reicht. Sozusagen vom Göttlichen zum mächtig Irdischen bis hin zum wegen bestimmter Leistungen Verliehenen. Zeigt der allseits erworbene Verlust von Autorität also, dass die göttliche oder Waffen klirrende Autorität verlässlicher war als ihre demokratische Variante? Oder sollten wir einem anderen Pfad folgen und uns die Frage stellen, worin die Ursachen für einen schleichenden, aber epidemisch um sich greifenden Geltungsverlust zu suchen sind? Letzteres ist sicherlich das Interessantere, denn wer will schon in einer Metaphysik enden, die bereits in den Geschichtsbüchern vor sich hin ranzt?

Um einem para-religiösen Irrglauben der Moderne gleich den Kampf anzusagen: Die heutigen Zeitgenossen sind nicht weniger religiös und metaphysisch wie ihre Artgenossen im Mittelalter. Ganz im Gegenteil! Der Mensch des Mittelalters hatte, obwohl mehr formal begründeten Autoritäten folgend, eine wesentlich kritischere Vorstellung von dem, was das irdische Dasein erwarten ließ als die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts. Letztere glauben in ihrer Mehrheit, aus der irdischen Existenz leiste sich der Anspruch nach Erfüllung und Glück wie von selbst ab, wovon der mittelalterliche Mensch nicht zu träumen wagte. Bei ihnen blieb das Glück der zweiten, immateriellen Existenz vorbehalten. Heute, da wird es sehr materiell begründet, obwohl es sich selbst bei jenen Wenigen, die es erlangen, als eine kolossale Sinnentleerung entpuppt.

Geglückte Autorität besteht in unseren Tagen aus einer Mixtur tatsächlich vorhandener Verfügungsgewalt und bestimmten Fähigkeiten, die faszinieren. Zumeist sind es soziale Fähigkeiten, kommunikatives Talent, rhetorische Potenz, Wissen, methodisches Können, moralische Integrität oder visionäre Kraft. Menschen, die eine oder mehrere derartiger Fähigkeiten aufweisen, finden sich oft in Führungspositionen wieder, und in der Kombination zwischen materieller und ideeller Macht ist die Strahlkraft von Autorität begründet.

Die Klage, die bei der infektiösen Verbreitung des Autoritätsverlustes mitschwingt, bezieht sich nicht auf die Erosion formaler, materiell begründeter Macht, sondern auf die ideellen Komponenten. Und da wir es nicht mit einer kollektiven Kompetenzamnesie zu tun haben können, müssen wir unser Augenmerk auf die Zugänge zu Machtpositionen richten, denn dort scheint das Problem begründet zu liegen. Immer mehr Individuen erhalten den Schlüssel zur Macht, ohne das Potenzial zu einer autoritativen Entwicklung mitzubringen, d.h. das Charisma, die notwendige Aura sozial akzeptierter Macht, kann sich bei Korruption, Kollusion und Nepotismus schlichtweg nicht mehr entfalten.