Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption

Das Apercu Walter Benjamins könnte, um sich in der heutigen Diktion zu bewegen, als Qualitätskontrolle für vieles von dem gelten, mit welchem wir uns herumzuschlagen haben. Wie oft, fragen wir uns nicht nur auf der Folie von Politik, sucht man vergeblich nach einer kohärenten und logisch konsistenten Folgerichtigkeit für das Handeln. Vielmehr drängt sich in jeder Aktion der Verdacht auf, dass sie aus einem bloßen Opportunitätsdenken entspringt oder der Schimäre folgt, die Praxis werde wohl hinterher zeigen, was sie wert war. Das Fehlen von Strategie setzt sich fort in einem konzeptionellen Vakuum, denn wer nicht weiß, wohin er will, der kann auch nicht planen, wie er dorthin kommt. Es ist oft so desolat, dass sich ein weiteres Zitat aufdrängt, diesmal von dem so tragisch dahin geschiedenen Dramaturgen Ödon von Horvath, der das Versagen seiner Zeit, die mangels einer wertbezogenen Orientierung in der Barbarei versank, jenen unvergesslichen Satz aussprach: „Ich gehe, und weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

Das Auflegen einer Power Point Präsentation, die sich in der optischen Erfassung meist alltäglicher Gedanken ergießt, ersetzt nicht das klassische, seit der Antike etablierten und in der Aufklärung veredelten Vorgehensweise einer konkludenten semantischen Architektur, die sowohl Ursache und Wirkung, als auch das Ziel und den Weg beschreibt. Das Herzstück der Konzeption, das sich manifestiert in der Frage von Strategie und Taktik, kommt nur zum Zug, wenn der Wert der Strategie begriffen und die Instrumentierung als solche gekennzeichnet ist. Max Horkheimers kulturkritische Betrachtungen, die als Kritik der instrumentellen Vernunft in die Annalen der Moderne geschrieben wurden, lassen Rückschlüsse zu, wovor er warnte und was wir heute als Scherbenhaufen begutachten: Die Überhöhung der Mittel, die Deklarierung der Instrumente zur eigentlichen Strategie. So neu ist das nicht, aber desto schonungsloser ist die Frage zu stellen: Ist das politische Handeln, das auch nichts anderes als ein Derivat des so genannten Zeitgeistes ist, nicht mehr in der Lage, die Kausalität von Zweck und Mittel zu signieren? Und ist die so gepriesene Konsensbildung, auf die sich das ganze politische System beruft, die ultima ratio einer nicht mehr Ziele benennen wollenden Gesellschaft, die sich davor fürchtet, das zu formulieren, wohin sie strebt. Wer Kausalität ausklammert, verschreibt sich der Beliebigkeit und wer das Instrumentelle überhebt, hat sich dem Fetisch ergeben.

Nähmen wir die Totenmaske so mancher Werke, mit denen uns die politische Klasse gegenwärtig konfrontiert, so erhielten wir ein eigentümliches Ensemble, mehr Montage als pars pro toto, es sähe eher aus wie ein Bombeneinschlag in ein Werkzeuglager, die einzelnen Hilfsmittel verstreut, wie Suchzeichen im Niemandsland. Da entdeckt man nicht mehr die Handschrift von Meistern oder zumindest Gesellen, die wissen, wie das Werkstück auszusehen hat, an dessen Entstehung sie arbeiten. Es sind einzelne Etüden, die zusammengeklaubt und mit einer stilistisch aufwendigen Camouflage etikettiert werden, als handele es sich um ein gedanklich anspruchsvolles Produkt. Und wenn das Wesen nicht zu entdecken ist, lässt sich keine Aura mehr verspüren.