Umgestaltung als Handwerk

Revolten, Revolutionen, radikale Reformen, egal, wie der Versuch, etwas Bestehendes umzugestalten auch betitelt wird, das Unterfangen, Strukturen, Verhalten und Funktionsweisen ändern zu wollen ist ein ungemein komplexes. Seit Menschengedenken wird darüber nachgedacht, wie ein solcher Prozess zu gestalten ist und immer wieder wird die Frage gestellt, inwieweit die Art und Weise des Veränderungsprozesses selbst das spätere Ergebnis in hohem Maße determiniert. Trotz aller Divergenzen bezüglich der zu wählenden Mittel ist unumstritten, dass es beim aktiven Wandel immer auch um Macht geht: Die, die die Initiative ergreifen, wollen sie haben und die, die quasi in ihren bestehenden Verhältnissen angegriffen werden, sollen sie gefälligst abgeben. Der Kampf um Macht wird auf dem Feld der Gewalt ausgetragen. Jenes berühmte Zitat Maos, dass die Macht den Läufen der Gewehre entspringe, gehört wohl zu den treffendsten Metaphern. Dabei kann es auch ziviler zugehen, von der Symbolik über die Wortwahl bis zu friedlichen Mehrheiten. Aber letztendlich zählt, welcher Wille sich in dem Spiel der Kräfte durchgesetzt hat.

Neben der Macht geht es aber auch um das Denken, die intellektuelle Disposition, mit der die Veränderer wie die Bewahrer in die Auseinandersetzung gehen. Während den Bewahrern meist die immanente Logik wie der Schwur auf die bestehenden Werte ausreicht, sind die Veränderer in der Bringschuld, d.h. sie müssen mit einer neuen Denkweise faszinieren, die nicht nur das Alte in Frage stellt, sondern auch das Neue vermag mit all seinem Charme darzustellen. Daher gehört es nicht nur zu der Rhetorik der Veränderung, wenn diese den Prozess der Zerstörung des zu Überwindenden in den Mittelpunkt stellt. Zerstörung und Entsetzen sind ein Zustand des Übergangs und die psychische Stabilität aller Beteiligten hängt von der Strahlkraft der Zielsetzungen ab, für die die Veränderer wirken. Verliert das Ziel seine Attraktion, dann wirkt der Akt der Zerstörung umso stärker und entwickelt eine negative Aura, die die Revolte in die Defensive bringt.

Eine der höchsten Künste in der Organisation menschlicher Zusammenschlüsse ist die des bewusst gestalteten Übergangs. Akteure, die sich auf diesem Feld bewegen, müssen unmäßig in ihrem Willen nach Veränderung sein, aber maßvoll in der Behandlung derer sein, die sich mit dem radikalen Wandel schwer tun. Sie müssen das Handwerk von Strategie und Taktik virtuos beherrschen, d.h. sie müssen Ziel und Wirkung taxieren können, den Gegner kennen wie sich selbst und sie dürfen nicht dem Schein verfallen, die Instrumente des Wandels seien der Wandel selbst. Letzteres ist die Todsünde einer jeden Veränderung, weil sie sich in einer Diskussion um die Instrumente verliert und den Geist dabei geflissentlich vergisst. Das Handwerk, so weiß es die Gesellschaft, dient immer der gedachten Form.

Der französische Existenzialist Jean Paul Sartre pflegte jene Schwarzen Reiter als Vorboten des Scheiterns am Horizont der Veränderung die Techniker des Geistes zu nennen. Er vermisse, so dieser unbeugsame Denker weiter, die Spiritualität, die erforderlich ist, um das Dasein zu erleuchten.