Wie schön war es noch zu Kaisers Zeiten, als man alles in den Händen hielt. Oder nichts in selbigen hatte als die Schwielen, die trotz Plackerei nichts eingebracht hatten. Aber es gab eben eindeutige Symbole für den Wohlstand des Volkes und man verstand sich auf Ehrbegriffen, in denen Religion und Nation renommierte Plätze einnahmen. So verwunderte es nicht, dass der Kaiser in der nationalen Krise namens I. Weltkrieg die obige Parole ausgeben konnte. Butter war das Symbol für den zumindest ernährungsbezogenen Wohlstand des Volkes und mit der Kanone wurden nicht nur die nationale Ehre, sondern handfeste Wirtschaftsinteressen verteidigt. Als dann das Geld ausging, forderte der Kaiser sein Volk auf, Kriegsanleihen zu zeichnen, um den Bau weiterer Kanonen finanzieren zu können. Bezahlt werden sollte dieses mit dem Verzicht auf die „gute Butter“, ein Zynismus an sich, weil bei en meisten Deutschen schon lange der Hunger herrschte.
Heute stellt sich die Frage anders dar, aber sie weist auch Analogien auf! Der heiße Krieg ist zwar seit mehr als sechzig Jahren passé, aber was röhrende Panzer und donnernde Kanonen nicht mehr zustande bringen, leistet heutzutage in ganz anderen Dimensionen die Börse: Sie vernichtet Kapital und Werte, und das in einer Dimension, von der die Dicke Berta aus dem Hause Krupp niemals zu träumen gewagt hätte. Statt der Kanonen zur Verteidigung der eigenen Interessen und Bastionen hat sich die gegenwärtige Bundeskanzlerin Gegenmaßnahmen ausgedacht, die auf einen Stellungskrieg an Börsen und anderen unwegsamen Finanzschauplätzen setzten, wo sich nun die Spekulantenverbände und die Truppen des staatlichen Interventionismus gegenüber stehen. Das Problem dabei ist, dass es sich bei den Spekulanten zumeist um Deserteure aus dem eigenen Lager handelt.
Und im Falle eines internationalen Finanzkrieges, den wie den I. Weltkrieg nicht das Volk, sondern bestimmte Kräfte des imperialen Größenwahns angezettelt haben, wird wiederum dem rot bezipfelten Michel in bösartiger Manier die Rechnung präsentiert. Man müsse sparen, so heißt es, um die ungeheure Verschuldung des Staates aufzuhalten und das Schicksal zu wenden. Falsch ist diese Aussage nicht, nur ist die Verschuldung auch verschuldet, und wer die Schuld trägt, sollte auch als Verursacher zur Verantwortung gezogen werden. Das präsentierte Sparpaket der Bundesregierung hätte bei keinem mehr Verständnis erhalten, als bei den so genannten kleinen Leuten, die die Träger des eigentlichen Patriotismus sind, der sich nämlich nicht unter wehenden Fahnen und rauschenden Festen, sondern in der Übernahme von Verantwortung äußert. Indem jedoch die Verantwortung der Verursacher ausgeblendet wurde, hat sich die Regierung den Ahnengang zum untergegangenen Kaiserreich gesichert.
Der Slogan „Kanonen statt Butter“ wurde von John Heartfield, dem politisch engagierten Montagekünstler, aufgegriffen. Von ihm stammte ein Plakat, auf dem spärlich bekleidete Arbeiterkinder hohlwangig an Metallteilen lutschten. Das Plakat hatte die Überschrift: „Hurra, die Butter ist alle!“ Der Zynismus kommt einem sehr bekannt vor, und er ist mehr als bedrückend.
