Der weltweite Wettlauf mit dem Mainstream

Seitdem in jedem der Winkel der Welt mehr und mehr deutlich geworden ist, dass nicht mehr Nationalstaaten und in ihr operierende Unternehmen die ökonomische Regie führen, sondern global vernetzte Zusammenschlüsse bestimmen, wo, was, wie und für wen produziert oder angeboten wird, sind auch die alten, nach einem kulturell relativ homogenem Konzept entworfenen Angebote der Standorte nicht mehr zielführend. Der Wettbewerb von Wirtschaftsstandorten hat sich ebenfalls zu einer globalen Veranstaltung ausgeweitet, die ihrerseits mit einem Druck umgehen muss, den es in dieser Form noch nie gab. Kommunale Wirtschaftsförderung muss sich heute der Stereotypie wie der Komplexität globalen Wirtschaftens stellen, obwohl sie zumeist noch innerhalb der Verwaltungen aufgestellt ist wie in der guten, alten Zeit.

Nun sind die Kommunen weltweit auf einem Weg angelangt, auf dem sie sich Gedanken machen, wie es in Zukunft noch gelingen kann, für die global vernetzten ökonomischen Akteure attraktiv zu sein, denn das Steueraufkommen, mit dem das Wesen urbaner und damit hochgradig zivilisatorischer Existenz finanziert werden muss, ist tendenziell auf dem langen Weg abwärts. So ist es nicht selten, dass sich Kommunen den Akteuren regelrecht an den Hals werfen und ihnen das Blaue vom Himmel versprechen, solange sie nur kommen. Andere wiederum gehen da weiter und sind strategisch weitaus selbstbewusster, denn sie überlegen sich, wo sie ihre Stärken haben, die sie beim Konkurrenzkampf um die besten Köpfe und Talente zur Geltung bringen können. Und es gehört keine großartige prognostische Fähigkeit dazu, vorherzusagen, welche Kommunen bei diesem Wettbewerb die Nase vorne haben werden.

Zwei Phänomene sind jedoch dazu geeignet, die Verve von Städten, die sich strategisch um ihren Standort bemühen, etwas zu dämpfen. Zum einen ist es die weltweite Tendenz der Unternehmen, sich aus Kostenfeldern wie Infrastruktur und Bildung zu verabschieden, weil die Entrichtung von Steuern keinen Charme besitzt. Gerade die Existenz dieser Güter und Werte setzen sie aber voraus, um sich für einen Standort zu entscheiden. Die zweite Sache entspringt direkt den Bemühungen um die Attraktivität der Städte: Egal, wo sie sich befinden, in welchem Winkel der Welt sie auch liegen, sie gehen allzu oft einem lieblichen Mainstream auf den Leim, der jegliche Kontur und den eigenen Charakterzug an sich überblenden. Da ist immer die Rede von Talenten und Toleranz, von Technologien und großartigen kulturellen Einrichtungen, da sind selbstverständlich Ökologie und politische Rechte in höchster Form etabliert, da ist es pittoresk und divers, politisch korrekt und bizarr, da regieren schon lange die Kreativen, selbstverständlich sind alle Protagonisten blutjung und das moderne Proletariat kommt nicht vor.

Führt man sich vor Augen, dass diese Marketing-Portfolios von Berlin bis Hamburg, von Minden bis Schweinfurt, von Singapur bis Vancouver und von Boston bis Montevideo bemüht werden, dann sollte es zumindest dazu führen, sich von dem Mainstream-Szenario zu verabschieden. Es hat schon lange keinen Charme mehr, es ist unrealistisch und intolerant und ihm fehlt es dramatisch an Charakter.