Archiv für den Monat Mai 2010

Ein übender Meister

Bernard Allison. The Otherside

Bernard Allison ist nicht nur der Sohn eines großen Vaters. Schon in jungen Jahren hatte der Jüngste der neun Kinder der Blues-Ikone Luther Allison im Pariser Exil an der Seite seines Vaters Gelegenheit, sein Talent zur Geltung zu bringen. Mit dem Electric Blues seiner Heimatstadt Chicago im Blut, hatte er mehr als ein Jahrzehnt, um im Schatten und im Schutze seines Vaters die Meisterschaft zu entwickeln, die ihn heute, im Alter von 45 Jahren, zu einer der ganz Großen in seinem Genre werden ließ. Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahre 1999 legte er die extravagante, atemberaubende Verve des Funk wie in Funkifino etwas ab und konzentrierte sich auf die Revitalisierung des Electric Blues, immer noch angereichert und fantastisch mit stechenden Bläsersätzen inszeniert.

Bei seinem Album The Otherside, welches 2009 erschien, meldet er sich als Platzhirsch in den Staaten mit einem Album zu Wort, das alles andere als innovativ ist, allerdings mit den besten Qualitäten eines Genres glänzt, das schon allzu oft totgesagt wurde. Man muss genau hineinhören, um die Botschaften zu begreifen, die die scheinbar gesetzte und konsolidierte Oberfläche zu vermitteln scheint. So ist in I Woudn´t Treat A Dog (The Way You Treated Me) nicht nur eines der Standardthemen des Blues aktiviert, sondern auch die Dramatisierung des Themas durch einen eleganten Bläsersatz und die erschöpfte Singstimme eine einzigartige Hommage an die Südstaatenseele, die sich die langen Schienenstränge hinauf in den Norden geschleppt hatte, um in windigen Mietskasernen aus dem süßen Traum vom besseren Leben zu erwachen. Wie ein Fortsetzungsroman folgt mit Tired of Tryin eine wie durch Eigenmotorik getriebene Gitarre, die durch eine sich immer wiederholende Routine der Bläser ins Leere geführt wird, wobei ein Saxophonsolo das Gegenteil der Routine suggeriert, was die Gitarre mit einer neuen Initiative beantwortet. Im Titelsong The Otherside, eine kompakt angelegte Blues-Funk-Komposition, erklärt Allison die andere Seite der Vergeblichkeit, indem er die Geduld derer beschwört, die aus dem Weg der langen Wanderschaft aus Niggertown in ein anderes Dasein erwachsen muss, soll sie zum Erfolg führen. Die musikalische Meisterschaft, die er dabei an den Tag legt, lassen andere seiner Lehrmeister, Jonny Winter und Stevie Ray Vaughan anklingen und rekurrieren auf die große, schützende Familie des Blues. Und in Allison Way ruft er noch mal seinen Vater ins Gedächtnis, in ein Megaphon gesungen, als befände er sich auf einer Kundgebung und mache den Weg vom Mississippi-Delta nach Chicago zu einem politischen Programm, dessen Linien wiederum von einem exzellenten Saxophon beschrieben werden.

Bernard Allison ist längst im Stadium der Meisterschaft, was sich daran zeigt, dass er sich der Notwendigkeit seiner Wurzeln bewusst ist, neue Einflüsse mit in die alten Formen einfließen lässt und so selbstbewusst ist, dass er keine Egozentrik mehr braucht. Er ist ein Meister, der an sich übt, aus Freude am Metier und aus Überzeugung, dass seine Mission die richtige ist. Ein Glücksfall in einer Zeit der Überhitzung und Sinnentleerung. The Otherside besitzt da doch eine hohe Attraktion!

Das Affirmative am „kritischen“ Journalismus

Es gehört zu den Axiomen demokratischen Denkens, dass eine unabhängige und kritische Presse den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung begleitet und mitgestaltet. Es geht also um eine Instanz, die eo ipso durch kein korporatistisch begründetes Mandat gebunden ist, sondern sich definiert durch die Selbstreferenzen eines kritischen Journalismus, der berichtet, Informationen aufbereitet und kommentiert. Die Geschichtsbücher der Neuzeit liefern viele Beispiele für dieses heilige Theorem der demokratischen Entwicklung und es ist kaum denkbar, wie sich das Staatswesen der Moderne hätte ohne Freie Presse entwickeln sollen.

Wie die Verfassungsorgane selbst, so hat allerdings auch die Instanz des unabhängigen Journalismus Einflüsse hinnehmen müssen, die schwerlich als fördernd zu beschreiben sind. Die eine große Einschränkung der Unabhängigkeit wurde durch Konzentration und Monopolisierung von Besitzverhältnissen hervorgerufen. Immer mehr Presseorgane gehören so genannten Magnaten, die ihrerseits handfeste wirtschaftliche Interessen, auch auf anderen Sektoren als dem Pressewesen selbst verfolgen und sich zudem politisch festgelegt haben. Mit der multimedialen Ausdehnung des Informationssektors durchdringen immer intensiver ökonomische Interessen die Meinungsbildung, wahrscheinlich in einer Dimension, die vorher unbekannt war.

Eine andere, vielleicht weitaus substanziellere Seite der Demontage der demokratischen Bedeutung des kritischen Journalismus ist in einer auf Passivität, Konzentrations- wie Bildungsnotstand rekurrierende Berichterstattung, die die Metapher des Fast Foods oder der Aldisierung des Pressewesens durchaus zulässt. Das Phänomen von Leserinnen oder Lesern, die sich nicht mehr einer gewissen Ausführlichkeit oder einem gewissen Niveau stellen können, korrespondiert leider mit einer analogen Degression im Journalismus. Der alte, aufgeklärte und unbestechliche Geist, der einst den großen Vorbildern aus dem britischen Journalismus entsprang, ist in vielerlei Hinsicht einer Journalistengemeinde gewichen, die konditioniert ist auf die Suche nach dem emotionalen Impuls, der bei der Leserschaft treffsicher ausgelöst werden soll. Wie Werbefachleute sind sie in dieser Disziplin virtuos, auf Kosten des Sachberichts und der auf Wissen basierenden Kritik.

Das, was oft als das Kritische noch verkauft wird, mutiert meistens zu einer Verhöhnung des tatsächlich Kritischen, denn das Wagnis, die Verhältnisse zu ändern, wird nicht goutiert vom großen Markt, von dem man selbst beliefert wird. Die lasterhafte und zynische Kritik an den Kräften, ob aus Politik, Wirtschaft oder der Zivilgesellschaft, die versuchen, einer Welt, die von Reizen überflutet, aber von Gestaltungsideen entleert ist, kommt der Aufgabe des demokratischen Korrektivs nicht mehr nach, sondern ist längst ein Bestandteil der Bedrohung.

Schlusspunkt mit Jagdflinte

Philip Roth. Demütigung

Mit dem 2009 erschienen Roman Demütigung veröffentlichte Philip Roth sein 30. Buch. Es ist nicht verwunderlich, dass der Autor, nunmehr selbst gut in den Siebzigern, in der letzten Dekade vermehrt das Phänomen des alternden Mannes thematisiert. Bereits in Jedermann und Exit Ghost hatte er die letzte Lebensphase des Mannes mit seinen tragischen und komischen Implikationen zum Gegenstand der Betrachtung gemacht. In Demütigung steigert er die bereits verwendete Metaphorik, indem er als Hauptfigur einen einstmals gefeierten Schauspieler zum Protagonisten macht.

Simon Axler, der in den Staaten als einer der großen Darsteller des Falstaff, Peer Gynt oder Hamlet galt, verliert, als er das sechzigste Lebensjahr überschritten hat, seine Kraft und Magie. Er versagt in den Rollen, die ihm nach wie vor angetragen werden, vergisst die Texte, liest und spricht sie wie ein Unbeteiligter, ihm gelingt nicht mehr, das Publikum zu faszinieren. Eine schwere Lebenskrise erreicht ihn mit der negativen Kritik, und sie entwickelt sich zu einem Selbstzweifel pathologischer Dimension, als er einsieht, wie berechtigt die Enttäuschung des Publikums ist. Axler zieht sich zunächst in sein Landhaus im Staate New York zurück, um in sich zu kehren, erkennt aber bald, dass diese selbst gewählte Einkehr keine Abhilfe schafft.

Er lässt sich in eine psychatrische Klinik einliefern, in der er zu der Erkenntnis kommt, dass er sich von seinem früheren Leben als gefeierter Schauspieler verabschieden muss. Zurück in seinem Landhaus erhält er unerwartet Besuch von der Tochter eines früher befreundeten Paares. Diese, 30 Jahre jünger als er, entflieht gerade einer lesbischen Bindung und bleibt bei ihm. Es entwickelt sich eine leidenschaftliche erotische Beziehung, deren Vorzeichen nicht auf Dauer deuten, von Axler jedoch ausgeblendet werden. Die Eltern, seine früheren Freunde, sind gegen die Beziehung und frühere Lebenspartnerinnen, die enttäuscht wurden, warnen Axler vor der neuen Gefährtin. Er ignoriert die Hinweise und flieht mit der Frau in erotische Eskapaden, die sich bis hin zu Sex mit einer zweiten Frau steigern, was allerdings die Rückorientierung seiner jungen Liebe zur lesbischen Vergangenheit zur Folge hat. So plötzlich wie sie kam, verließ sie ihn und Axler steht vor den von ihm empfundenen Trümmern seines Lebens. In einer letzten Empfindung von Schmach und Demütigung ergreift er das Jagdgewehr, rezitiert ein letztes Mal das Finale einer seiner großen Rollen und setzt seinem Leben ein Ende.

Im Gegensatz zu anderen Romanen, in denen Roth das Thema des Aura- und Machtverlustes des alternden Mannes aufgreift, kommen in Demütigung die Perspektiven von Ironie und Selbstironie nicht mehr vor. Stattdessen kehrt eine Sachlichkeit der Betrachtung ein, die zuweilen den Eindruck aufkommen lässt, als verfolge mit dem Autor wie dem Leser eine Welt den Untergang des Protagonisten aus einer distanzierten Perspektive, die kein Mitgefühl mehr zulässt. Und genau darin besteht die empfundene Demütigung.